Ein Essay von Richard David Precht – Cowboy-Kitsch

Der Spiegel Nr. 26 vom 19.06.21, Seite 32

Cowboy-Kitsch
– ein Essay von Richard David Precht
     eine kritische Betrachtung von Michael Mansion

Richard David Precht spricht von einem flächendeckenden Verlust der Orientierung als einem Ausdruck für Zeiten des Umbruchs. Das hat zu allen Zeiten die Philosophen auf den Plan gerufen und auch die Dichter, was uns an Goethe (Faust 1/ Z.1928 ff.) erinnert:

„Der Philosoph, der tritt herein
und beweist euch, es müßt so sein:
Das Erst´ wär so, das Zweite so,
Und drum das Dritt´ und Vierte so.
Und wenn das Erst´ und Zweit´ nicht wär,
Das Dritt´ und Viert´ wär nimmermehr.
Das preisen die Schüler aller Orten
Sind aber keine Weber geworden
Wer will was Lebendiges erkennen und beschreiben,
Sucht erst den Geist herauszutreiben,
Dann hat er die Teile in der Hand,
Fehlt leider! nur das geistige Band.“

Nein, wir lassen auf unseren deutschen Populärphilosophen nichts kommen, hat er doch immerhin den Mut zur Öffentlichkeit und der hat schon immer einiges gekostet, vor allem auch in den Zeiten der gesellschaftlichen Umbrüche.
Precht erwähnt hier die zweite industrielle Revolution, die Elektrifizierung, die serielle Massenproduktion und das Aufkommen der neuen „Kaste“ der Angestellten.

Die Konservativen, als nicht nur moralische Profiteure des zertrümmerten deutschen Kaiserreiches, hätten, so Precht, noch Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ vor Augen, wütend und trotzig als ein Club verbitterter Melancholiker dagestanden, bis zu ihrer verhängnisvollen Volte in den Nationalsozialismus. Wirklich?
Nur ein paar verbitterte Konservative und Melancholiker? Sie saßen in allen wichtigen Ämtern und Behörden, in der Justiz (mit dem Schmiss im Gesicht) bis in die letzten Schreibstuben. Und wie war das eigentlich mit der SPD, die sie als Trojanisches Pferd (Zörgiebel/Noske) nutzten? Deshalb gab es auch keine Volte in den Nationalsozialismus, denn Hitler war kein Minderheiten-Zufallsprodukt!

Währenddessen habe die Linke im revolutionären Umbruch jener Jahre überhaupt erst ihre Freude an realer Macht und dem rücksichtslos Autoritären entdeckt, wobei die bolschewistische Kaderpartei dabei jenen Raum der Macht besetzt habe, den Marx im Kommunismus eigentlich der Freiheit reserviert habe.

Neben diesem etwas hurtig und nebulös herüberkommenden Ausflug in die jüngere Historie vertritt der Autor offensichtlich die Ansicht, dass Macht und Freiheit einander ausschließen, oder war das jetzt so etwas wie eine Ehrenrettung in Sachen Marx?

Immerhin sieht er die Linke geläutert von einem unrealistischen Kommunismus sowjetischer und chinesischer Prägung und sie träume auch nicht mehr von diktatorischer Macht, was wir angesichts ihrer dünnen Zustimmung beim Souverän gerne glauben.

Dafür fordere sie heute die uneingeschränkte Deutungshoheit über den Menschen, seine Sprache, seinen Charakter, seinen Körper und seine Sexualität. Debatten um Gender, Transgender, drittes Geschlecht und Cancel Culture seien ein neuer, divers gefüllter, autoritärer Moralismus.

Diese Werteverschiebung der Linken (die mit einem realen Linkssein nichts zu tun hat! MM) werde aufgeregt diskutiert, während kaum jemand wahrnehme, dass die Rechte das gleiche Schicksal teile. Auch sie diffundiere und zerfalle in Lager, die konträrer kaum sein könnten.

Wie einfach sei doch die Welt der Rechten in der alten BRD gewesen. Konservativ, katholisch, extrem ordnungsliebend und dem Law- and Order-Staat verpflichtet. Wer rechts war, habe zwar nicht mehr an das Dritte Reich anknüpfen wollen, aber man habe das zuvor für gut Befundene in die neue BRD retten wollen.

Ergebenheit unter Autorität im Geiste Preußens plus Größe im Kaiserreich minus Hitler. Die Kombination „plus Hitler“ sei je nach Standpunkt extrem rechts gewesen. Es habe Politiker gegeben, die sich bewusst rechts verortet hätten und für Alfred Dregger sei der 08. Mai 1945 keine Befreiung, sondern eine Niederlage gewesen. Das ist wohl wahr, aber militärische Niederlagen bleiben es auch dann, wenn sie sich posthum für eine Mehrzahl als glücklich erweisen.
Von einem „alten deutschen Reich“ spricht der Autor etwas unklar, welches in der Bundesrepublik nie mehrheitsfähig war, von den Linken geächtet und von einer schweigenden Mehrheit geachtet worden sei.
Heute sei das aber anders, weil Rechte nicht rechts sein wollen und das R-Wort gehe ihnen nicht mehr über die Lippen. Damals war es aber auch nicht anders, muss man hier antworten, zumal sich die Rechten während der Hitlerei ja sogar als Revolutionäre begriffen — zumindest einige!

Ganz im Gegenteil begreife sich etwa die AfD in ihrem Grundsatzprogramm in einer revolutionären Tradition von 1848. Es klinge paradox, aber als plötzliche Freunde der Freiheit wittere ausgerechnet die neue Rechte überall bösen Obrigkeitsgeist und Diktatur, was – so Precht – eher nach radikalen Linken klinge. Corona-Schutzmaßnahmen nur als ein Vorwand für den Ausbau einer totalitären Staatsmacht? Der Umbau der Wirtschaft zur Nachhaltigkeit,- ein Deindustrialisierungsprogramm für einen grünen Sozialismus, wie es im Klima-Manifest 2020 der Werte-Union in Bayern heiße?

An dieser Stelle gilt es ein wenig zu verweilen und innezuhalten. Die Rechten wollen also nicht mehr Rechte genannt werden? Nun,- das muss eigentlich nicht verwundern in Zeiten, wo die schwarz/rot/goldene Fahne (von vermeintlich links) zum Nazi-Symbol stilisiert wird und eine für konservativ erklärte Haltung die Gefahr in sich trägt, der Kumpanei mit einem neuen Führerstaat bezichtigt zu werden. Die viel interessantere und von Precht nicht gestellte Frage lautet nämlich, inwieweit eine Verteidigung des national formierten Verfassungs- und damit Rechtsstaates gegen die kosmopolitische Agenda eines supranationalen EU-Gesamtstaates als Teil einer Global Governance nun unbedingt politisch rechts gedeutet werden muss. In einem umgekehrt dialektischen Sinne wirft das nämlich die andere Frage auf den Plan, warum denn z.B. der massenhafte und nicht enden wollende (offenbar gewollte) Import einer vormodernen und antidemokratischen Herrschaftskultur nun zwingend ein linkes Projekt sein soll? Im Sinne eines zumindest tradierten emanzipatorisch-herrschaftskritischen Anspruchs einer Verteidigung der Werte der Aufklärung ist eine solche politische Agenda (denn um eine solche handelt es sich/siehe Migrationspakt) stockreaktionär und damit doch eigentlich rechts—-oder?

Warum übrigens will Precht der von ihm so bezeichneten „Neuen Rechten“ grundsätzlich die Bereitschaft zur Verteidigung von Freiheit absprechen?

Selbst wenn es nur die ihre wäre, um die es ihr ginge, so stünde das in einem historischen Kontext von Freiheit, die immer die Freiheit der Herrschenden war.
In ihr hat sich in der Moderne das Element eines Liberalismus etabliert, dem wir einiges zu verdanken haben, aber auch er ist, um eine marxsche Diktion zu gebrauchen, nicht klassenlos zu haben.

Der Habitus des Obrigkeitsstaatlichen im Umfeld der sog. Corona-Schutzmaßnahmen als ein Kritikpunkt der Neuen Rechten, die im Umbau der Wirtschaft zur Nachhaltigkeit ein Deindustrialisierungsprogramm sieht, was wiederum die bayerische Werte-Union als grünen Sozialismus verkauft?

Na ja, – immerhin hat die Bundesregierung ohne eine empirisch belastbare Faktenlage und gegen den auch medizinischen Einspruch einer ganzen Reihe von Fachleuten mit Notverordnungen bislang recht gut durchregieren können und die bürgerlichen Freiheiten in bislang ungeahnter Weise eingeschränkt.

Zumindest das ist eine Erkenntnis, die sich leicht vermittelt hat, im linken Spektrum jedoch ohne Konsequenzen blieb, was Zustimmung unterstellen muss.
Was dagegen die sog. Nachhaltigkeit anbelangt, welche uns als Energiewende verkauft wird, so ist auch im vermeintlich neurechten Lager niemand als grundsätzlicher Gegner einer technisch nachvollziehbaren Energiewende in Erscheinung getreten. Sehr wohl aber gibt es nicht nur dort berechtigte Zweifel aufgrund der berechenbaren Faktenlage. Wenn man sich zugleich von Atom, von Kohle und von Gas grundsätzlich abwenden will, um in einem potenten Industriestaat die Grundlast nur noch mit Wind und Sonne sichern zu wollen, dann muss man hierfür eine plausible und berechenbare Grundlage vorweisen können!
Precht müsste eigentlich den im Internet leicht abrufbaren Vortrag seines Kollegen Hans Werner Sinn (Energiewende ins Nichts) kennen und er darf sicher sein, dass Sinn kein offensiver Parteigänger der AfD ist und sehr sorgfältig recherchiert hat.
Klassisch rechter Jargon – so Precht – wäre es eigentlich gewesen, dem Staat zu bescheinigen, dass er sich um die Volksgesundheit sorgt und dass er uns in naturbewahrender Tradition vor dem Klimawandel schützen will.
Die Rechte verhalte sich aber so, dass man sie für eine radikale Linke halten könnte, eine Ansammlung von Anarchisten, gegen Natur- Klima- Umwelt- Gesundheitsschutz und überhaupt gegen fast alle Einschränkungen für jeden erdenklich guten Zweck.

Auch hier verweilen wir einen Moment und nehmen erstaunt zur Kenntnis, dass der deutsche Medienphilosoph den Regierungskurs auf zumindest einigen ganz wesentlichen Ebenen für unterstützenswert hält, wobei er zugleich sehr scharfsinnig eine alte konservative Untugend (Fehleinschätzung wäre besser) erkennt, die darin besteht, das Elend der Republik ursächlichen allem linken Sein, vor allem aber den 68ern anzulasten, die auf ihrem Marsch durch die Institutionen an dem Punkt angekommen sind, eine sozialistische Diktatur einzurichten, für welche offenbar nicht mehr die Produktionsverhältnisse, der Mehrwert und die Entfremdung von wesentlicher Bedeutung sind, sondern ein bisschen mehr oder weniger Öko.
Das ist dann ungefähr so wissenschaftlich wie die Behauptung, dass eine Neurechte eine Altrechte unterwandert.
Eine rechtslinksverdrehte Clownerie erreiche, so Precht, ihren Höhepunkt auf Querdenker-Demos, wo diese, ihrem Anspruch nach bloß brave und um ihre Freiheit besorgte Menschen, Reichsbürger umarmen, um gemeinsam mit Faschisten vor Faschisten zu warnen.

Populärphilosophische Clowns

Hier müssen wir nicht länger verweilen, weil die Clownerie (hier die des Populärphilosophen) nicht recht gelingen will. Sie geht sogar vollends daneben, denn selbst wenn die angesprochenen sog. Reichsbürger in ihrer Absicht, die Bundesrepublik nicht als verfassten Rechtsstaat anzuerkennen und zu akzeptieren, durchaus Verfassungsfeinde genannt werden dürfen, so ist ihr eher zahlenmäßig dürftiges Auftreten bei Querdenker-Demonstrationen eine eher zu vernachlässigende Größe und sie so ungeprüft Faschisten zu nennen, zeugt von einem fragwürdigen und fahrlässigen Umgang mit einem Begriff, der gerade aus deutscher Sicht in hohem Maße belastet ist und gerade deshalb eine Fehldeutung nicht zulassen kann und darf.
Ein solcher Umgang liegt auf gleicher Ebene mit der wohl aktuellsten Verschwörungstheorie, die darin gipfelt, jedwede fundamentale Kritik am aktuellen Regierungskurs als zumindest rechtsnational zu verteufeln und die einzig erkennbare Oppositionspartei in den Anruch einer fünften Kolonne für eine neue kryptofaschistische Machtübernahme nebst Judenverfolgung zu stilisieren.

Unredlich ist es auch, eine Verbindung von Freiheit mit dem Begriff „schillernd“ herstellen zu wollen. Freiheit ist nicht schillernd! Sie ist trotz durchaus unterschiedlicher Vorstellungen stets die Freiheit einer Risikogesellschaft, die auf mündige Bürgerinnen und Bürger setzt, welche der sog. Souverän sind, der ein Recht darauf hat, essentiell wichtige Entscheidungen, welche vor allem die Zukunftsperspektive des eigenen Landes betreffen, aktiv mitzugestalten.

Der Souverän ist kein Büttel für die Umerziehungspropaganda einer dreisten und anmaßenden Elite!

Precht unterstellt der von ihm so benannten Neu-Rechten, sie wolle einen zerstörerischen Lebensstil in jeder gewohnten Facette beibehalten und meine, Freiheit stehe nur den Deutschen zu, aber nicht flüchtigen Syrern und das sei insgesamt eine krude Mischung aus Egoismus, Nationalismus, Zukunftsangst und Trotz und poliere den letzten Mörtel einer zerstörerischen Weltordnung.
Sich am Gewohnten festzuhalten, mag gelegentlich nicht zukunftsfähig sein. Das ist ganz unbestritten, aber es geht nicht um Nationalismus und Egoismus, weil Politik immer die Möglichkeit des Machbaren auf der nationalstaatlichen Ebene ausloten muss. Utopismen führen in eine Sackgasse und zur Spaltung der Gesellschaft, wie wir sie gegenwärtig erleben.

Syrern keine Freiheit zugestehen zu wollen, wäre ganz und gar nicht tolerabel, aber die Rede ist doch eher nicht von flüchtigen Syrern, sondern von einer vorsichtshalber nicht näher definierten Zahl von Migranten, die via EU-Migrationspakt vornehmlich in die deutschen Sozialsysteme einwandern und dies dauerhaft im Sinne eines beanspruchbaren Rechtstitels. Das kann man zu einem Menschenrecht erklären, sollte dies zuvor aber mit dem dafür finanziell einstehenden Souverän besprechen bzw. angemessen diskutieren. Ganz einfach einfach im Sinne eines geordneten demokratischen Umganges miteinander.

Wenn alle das gut finden sollten, dann wäre die alte Weltordnung in der Tat zerbröselt und es entsteht eine Weltgesellschaft von Gastgebern und Gästen, obschon wir eine solche Vorstellung eher in der Romantik verortet hätten, weshalb man sie weniger freundlich auch naiv nennen kann.
Eine neue Wehleidigkeit habe sich der Neuen Rechten bemächtigt, welche den Alt-Rechten eigentlich die Galle überlaufen lassen müsste, wo diese doch dereinst höchstens nach dem dritten Maß Bier, bei der Nationalhymne oder beim Wolgalied sich solches gestattet hätten.

Mit dem neurechten Diktum……“man wird ja wohl noch sagen dürfen…“,verbitte man sich (larmoyant) jeden Widerstand gegen die eigenen abenteuerlichen Thesen. Der Philosoph stellt aber nicht die Frage, welcher Widerstand gegen die Thesen des politischen Mainstreams noch ohne Denunziationen möglich ist. Sehr viel Solidarität zeigt er da auch nicht mit einigen seiner Kollegen, die er wohl vom Tugendwege abgekommen sieht.

Freiheit als Import aus den USA?

Welches gesellschaftlich relevante Thema, angefangen von der EU-Politik, der Massenzuwanderung, der Energiewende, dem Euro oder der ziemlich fragwürdigen Seuchenpolitik wurde denn in einem angemessenen Denkraum offen diskutiert?
Es löst wohl auch eher Wut als Wehleidigkeit aus, wenn die Mitglieder einer Oppositionspartei ohne belastbare Faktenlage zu faschistoiden Antidemokraten stilisiert werden, was zugleich jeder vernünftigen Kritik an ihnen den Boden entzieht.
Der libertäre Freiheitsbegriff auf AfD-Parteitagen, bei der Werte-Union, bei Querdenker-Demos und den Trotz-Predigern im Internet sei – so Precht – aus den USA importiert worden, denn dort habe die libertäre Rechte seit je dem Staat mißtraut. Ihr Traum sei nicht die starke Ordnungsgewalt, sondern möglichst gar keine. Jeder Cowboy solle so leben wie er wolle und berufe sich auf Dean Martins Song, wo er in Rio Bravo singt: „My Rifle, My Pony and Me“. Auf Neurechts übersetzt bedeute dies: „Mein Aluhut, mein Maschendrahtzaun und ich“. Ein solcher Cowboykitsch habe keine deutschen Wurzeln.

Nein, der libertäre Freiheitsbegriff ist keinesfalles aus den USA zu uns herübergeschwappt! Hier irrt der Philosoph fundamental. Das ist ein abenteuerliches Konstrukt, weil der amerikanische way of life zumindest in die politische Verfasstheit Deutschlands so gut wie keinen Eingang gefunden hat. Ganz im Gegensatz zum kulturellen way of life!

Es passt auch nicht zur kritisierten sog. Neu-Rechten, die in der „Überwindung der Nationalstaaten“ via Brüssel eine Gefahr für Rechtsstaat und Demokratie sieht und welche dem massenhaften Import von erklärten Feinden der säkularen Demokratie, die den Judenhass mit der Muttermilch eingesogen haben, sehr kritisch bis ablehnend gegenübersteht.

Da ist auch der Hinweis auf den US-Philosophen Robert Nozick nicht hilfreich, denn die politische Kultur in Deutschland ist nicht wesentlich von den USA beeinflusst, sondern glücklicherweise von den Angelsachsen. Der deutsche National- und Sozialstaat ist zudem der Ausdruck eines modernen Sozialkapitalismus, der von keinem Konservativen, von keinem Liberalen, ja nicht mal vom Großteil dessen, was man vielleicht noch politisch links nennen, kann in Frage gestellt wird und im Lande des Herrn Nozick wäre das ganz sicher schon so etwas wie Kommunismus.

Wie Precht darauf kommt, in denen, die er Neu-Konservative nennt, Anarchos und einen popkulturellen Mischmasch verorten zu wollen, bleibt sein Geheimnis.
Sie stehen alle brav zum Kapitalismus, auch wenn er zunehmend keine Marktwirtschaft mehr ist und selbstverständlich sehen sie auch seine zerstörerische Dynamik, aber sie glauben halt nicht wirklich an ein linksgrünes Ökotopia im Sinne eines (noch) funktionierenden Wohlfahrtsstaates.

Eine Kakofonie von Werten

Man dürfte im konservativen Lager auch verwundert sein über den Vorwurf, das eigene Bestreben an „Freidenker“ delegiert zu haben, die an elektronischen Lagerfeuern sitzend, in einem Kessel Schwarzes, Braunes und Gelbes (sind da auch Chinesen dabei?) zusammenrühren in der Hoffnung, es möge ein Blau daraus werden. Statt dessen entstehe eine Kakofonie von Werten, bei denen niemand mehr sicher sein kann, wofür ein Rechter eigentlich steht. Diese Rechte sei undifferenzierbar, schillernd (schon wieder!), wie ein Paradiesvogel (ja die schillern manchmal), völlig verdreht und irgendwie queer.

Nun ja, – wenn man bedenkt dass die von einer konservativen Kanzlerin für gut befundene Ehe für alle schon ein wenig queer war, so war das ja trotzdem erst der zweite Schritt zwischen dem Atomausstieg und der Massenmigration, der die einst geschlossene Fraktion hat schwanken lassen und einigen schwante Schlimmes, weil sie ganz und gar nicht anarchistisch sind, sondern ein parlamentarisches Rechts-und Sozialsystem in Gefahr sehen.

Die Spannung zwischen Bauch und Kopf ist in der Union in der Tat besonders stark. Deshalb muss man Frau Merkel zugleich nicht für linksliberal oder gar sozialistisch halten wie die sog. Neu-Rechte. Man könnte bei einer durchaus belastbaren Analyse allerdings dahin kommen, in ihrer personell stark dominierten Art Politik zu machen das eigentliche Übel zu sehen, welches in der Folge eines der Spaltung nicht nur der Union, sondern Europas ist.
Precht ist ein kluger Sprach-Artist, aber die Sache mit dem Cowboy-Kitsch ist Bullshit. Da hat er überzogen, weil in seinem Herzen ein Alt 68er wohnt, der nun mal mit den Konservativen seine Probleme hat. Es wäre ihm eher zu empfehlen, sich mit einigen von ihnen auf ein Gespräch einzulassen. Es bleiben Differenzen, aber ein nicht zu unterschätzender Teil von ihnen versteht den aktuellen Zeitgeist sehr richtig als einen Ersatz der politischen Vernunft durch Moral und insoweit als sehr verhängnisvoll. Das hat Precht zum Teil auch erkannt, aber er zieht daraus die falschen Schlüsse und benennt die falschen Schuldigen, obwohl er doch sehen muss, dass sich eine schweigende Mehrheit nicht mehr mit dem verordneten Mainstream einer arroganten Elite identifiziert.

Prechts schlecht justierter Gedankenwebstuhl verleumdet (wissentlich?) mit dem Faschismusvorwurf den nicht unbeträchtlichen Teil einer bürgerlichen Protestbewegung (Querdenker), was einer seriösen wissenschaftlichen Betrachtung nicht standhält.
Was bleibt, ist ein bisschen Sprachartistik auf intellektuell ein wenig fragwürdigem Niveau, aber für die Spiegel-Leser muss es halt reichen.

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