Jorden Peterson - 12 rules for life
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12 Rules For Life – Eine verschollene Amazonrezension

Die folgende Rezension erschien zunächst bei Amazon und wurde dort aus wahrscheinlich kommerziellen Gründen gelöscht. Was bedeutet eine ernsthafte Kritik, wenn sie geschäftsschädigend für Amazon ist? Es geht nicht um Qualität, es geht um Kommerz.

Anmerkung Redaktion

12 Rules For Life  –
Eine verschollene Amazonrezension

Viele, viele Stunden habe ich schon mit Jordan Peterson verbracht: Er bei mir im Laptop, ich bei mir in der Küche. Ich möchte nicht sagen, dass ich ein Fan bin, weil das lächerlich klingt. Es ist ernst. Seine Art, die Welt zu sehen, bedeutet mir viel.

Nun gibt es sein neues Buch auf Deutsch. Oweh … schon der flüchtige Blick auf das Cover enttäuscht: Der deutsche Titel lautet „12 Rules For Life. Ordnung und Struktur in einer chaotischen Welt“.

Warum kann man „12 Rules For Life“ nicht übersetzen? So schwer ist es nicht. Mein Vorschlag: 12 Lebensregeln. Und wieso heißt es im Untertitel „Ordnung und Struktur“? Reicht „Ordnung“ nicht? Gibt es etwa einen Unterschied zwischen Ordnung und Struktur, den man in diesem Zusammenhang beachten muss, oder ist das nur pseudo-intellektuelles Getue, damit es irgendwie kompliziert wirkt?

Im Original heißt das Buch: 12 Rules For Life. An Antidote To Chaos. Damit sollen 12 Regeln dem Chaos gegenübergestellt werden. Wenn man das Buch kennt, weiß man, dass es um zwei Pole geht, die sich gegenüberliegen und dennoch aufeinander bezogen sind, wie in dem daoistischen Symbol von Yin und Yang. Die Gegenüberstellung wird durch das englische „antidote“ ausgedrückt. Im Deutschen steht sich nichts gegenüber, da haben wir stattdessen diese seltsame Doppelpackung „Ordnung und Struktur“, die wie eine Mogelpackung daherkommt und irgendwie in eine chaotische Welt eingebettet ist.

Klar sind die Begriffe jedenfalls nicht. Das passt nicht zu Peterson. Die Ungenauigkeit, die zur Geschwätzigkeit und letztlich zum Chaos führt, hat sich damit schon im Untertitel als bestimmende Kraft durchgesetzt.

Every cigarette kills

Dann folgt ein schlimmer Satz. Gleich vorne auf dem Umschlag: „Dieses Buch verändert Ihr Leben!“

Every cigarette kills“. So war es auf Zigarettenpackungen in Australien zu lesen – lang ist es her, es muss 1998 gewesen sein, als ich down under war. Es kam mir albern und übertrieben vor. Jede Zigarette? Immer? Müssten dann nicht längst alle Einwohner Australiens ausgerottet sein?

Bei uns hieß es zunächst „Rauchen kann tödlich sein“, nun steht da: „Rauchen ist tödlich“. Kann man das so sagen? Tödlich für jeden? Sofort? Aus der Möglichkeit wurde unbemerkt die Tatsächlichkeit. Inzwischen ist auch aus der Formel, dass jeder Mann ein „potentieller Vergewaltiger“ sei, die Behauptung „Alle Männer sind Vergewaltiger“ geworden. Sie könnten es nicht nur sein, sie sind es. Auch die netten.

Alle oder keiner

Es gibt Ratgeberbücher, die Hilfestellungen anbieten, die eventuell angenommen werden. Von manchen Büchern sagt man, dass sie dem ein oder anderen Leser geholfen hätten, sein Leben zu verbessern, es zu ändern. Dieser Leser wäre dann allerdings auch der einzige, der so etwas verkünden dürfte. Und es wäre dann eine Aussage, die mehr über diesen Leser als über das Buch aussagt. Ein Buch wirkt auf jeden anders.

Wenn ein Leser sagt, dass ihm ein Buch gefallen habe, dann ist das für andere Leser uninteressant; die Wahrscheinlichkeit, dass es einem anderen ebenso gefällt, ist gering. Es sei denn, die beiden kennen sich – und kennen sich gut. Der berühmte Satz von Jean Paul, dass ein Buch ein langer Brief an Freunde ist, trifft es gut. Der Satz berücksichtigt die Eigenheit des einzelnen und den besonderen Charme der Vertrautheit, den Bücher haben können.

Wenn es dagegen heißt: „Dieses Buch gefällt allen“ oder „Dieses Buch wird Ihnen gefallen“, bin ich verstimmt und denke: Wer sagt das? Kennt der mich überhaupt? Ist es ein Freund von mir oder jemand, der mich betuppen will und dem ich nicht vertrauen sollte? Ich will nicht in dieser Art angesprochen werden. Auch wenn ich gesiezt werde, habe ich den Eindruck, dass ich hier übervorteilt werden soll. Ich fühle mich nicht ernst genommen.

Das liegt schon daran, dass unklar bleibt, wer spricht, mit welcher Berechtigung er das tut und wer eigentlich angesprochen werden soll. Die persönliche Aussage eines einzelnen Lesers über ein Buch ist unerheblich. Es sei denn, wir kennen ihn. Wenn im Namen aller Leser gesprochen und über sie verfügt wird, handelt es sich um einen Betrugsversuch.

Fehlstart mit einer Lüge

Vorne auf der deutschen Ausgabe von Jordan B. Petersons „Weltbestseller“ steht es. Da heißt es tatsächlich an der Stelle, an der es im Original heißt: „One oft he most important thinkers to emerge on the world stage for many years. THE SPECTATOR“ auf Deutsch: „Dieses Buch verändert Ihr Leben!“ Ein Fehlstart.

Was stimmt hier nicht? Wir fassen damit das Buch an der falschen Stelle an. An der Stelle, an der im Original, wie es angemessen und sinnvoll ist, eine für den Leser interessante Aussage über den Autor („One oft he most important thinkers …“) zitiert und belegt wird, steht in der deutschen Ausgabe eine unbelegte und unwahrhaftige Aussage eines namenlosen Handelsvertreters über die Wunderwirkung des Buches, von der wir alle wissen, dass es die gar nicht geben kann. Der Spruch ist eine Lüge. Jordan Peterson wird uns als Quacksalber angepriesen.

Die wichtigste Regel in seinem Buch – um das gleich zu verraten – ist, die Wahrheit zu sagen, zumindest nicht zu lügen. Dazu gehört eine besondere Achtsamkeit gegenüber der Sprache. Das wäre zumindest ein guter Anfang, der ganz im Sinne Petersons wäre: Wir könnten uns abgewöhnen, Sachen zu sagen, die man so nicht sagen sollte, weil sie auch so nicht stimmen. Das ist es, was Peterson uns sagen will. Die Bearbeitung seines Buches für den deutschen Markt verstößt von Anfang an dagegen.

Wer sagt was? Wer ändert was?

Schauen wir mal, wie Nassim Nicholas Taleb beworben wird. Da heißt es: „‚Taleb hat meinen Blick auf die Welt verändert.‘ Daniel Kahneman“. Hier fand auch eine Veränderung statt. Bei wem? Bei einem namentlich genannten einzelnen Leser, einem Leser von Rang, bei dem Nobelpreisträger Daniel Kahneman, der dem Satz Golddeckung verliehen hat, so dass ihn andere interessierte Leser ernst nehmen können. Die Veränderung, von der Kahneman spricht, ist außerdem wohldosiert: Verändert hat sich sein Blick auf die Welt, nicht sein ganzes Leben.

Eine Person – es muss ja nicht gleich ein Nobelpreisträger sein –, die von sich sagen könnte, dass Petersons Buch ihr Leben verändert hätte und sie es deshalb anderen empfehle, gibt es nicht. Es kann so eine Person auch nicht geben. Wer Peterson gelesen hat, würde anschließend nicht mehr so daherreden. Wer Peterson verstanden hat, weiß, dass Veränderungen durch eine freiwillige Übernahme von Verantwortung für das eigene Leben erfolgen und dass man sie nicht anderen verabreichen kann.

Dieses Buch verändert Ihr Leben!“ Der Satz ist nicht nur in der Sache falsch – mega-falsch, besser gesagt –, er steht auch im falschen Kontext. Stellen wir uns einen Hausbesetzer vor, der sich in die Belle Etage eingeschlichen hat, keine Miete zahlt und laute Musik spielt, auf dass das ganze Haus wackelt. So ist der Satz.

Verräterisch sind die fehlenden Gänsefüßchen, die an der Stelle nicht fehlen dürften, denn sie weisen einen Satz als Zitat aus und versichern, dass es einen Urheber gibt; einen, der die Verantwortung übernimmt, der – mit Taleb gesprochen – selber skin in the game hat und für sein Wort einsteht. Für so jemanden ist ein Platz in der Hierarchie des Covers reserviert. Auf einem Cover ist die Reihenfolge der Namensnennungen so wichtig wie beim Abspann eines Films. Das Verschweigen von Urheberschaft und Zuständigkeit bedeutet zugleich eine Vertuschung von Machtstrukturen.

Peterson wird ein Bein gestellt. Schon bei seinem ersten Schritt in Deutschland muss er stolpern. Er ist mit seiner Forderung „Speak the truth!“ international bekannt geworden als Fürsprecher der freien Rede. In Deutschland wird er bekannt als jemand, dem man eine Lüge auf das Cover gedruckt hat.

Eine Lüge, die es in der Originalausgabe nicht gibt. Es handelt sich um eine deutsche Besonderheit.

Viele kleine Lügen schaffen ein großes totalitäres System

Wir bemerken den Schwindel. Jeder merkt, dass da was faul ist und dass man so nicht reden sollte: „Rauchen ist tödlich“, „Alle Männer sind Vergewaltiger“, „Dieses Buch verändert Ihr Leben!“ Wir fühlen uns nicht wohl im Umfeld solcher Sprüche. Da tickt eine innere Alarmanlage.

Die grandiose Sprache ist ein bösartiger Virus, der sich immer weiter ausbreitet und uns in die Epoche eines neuen Totalitarismus begleitet, über die wir im Nachhinein sagen werden: „Wir haben alle gelogen. Jeder ein bisschen. Und wir haben es gewusst.“ So haben es Václav Havel und Alexander Solschenizyn rückblickend zusammengefasst. Bücher aus meinem Regal über das Leben unter dem Hakenkreuz haben beispielsweise Titel wie „Betrug war alles, Lug und Schein …“ oder „Lebenslüge Hitler-Jugend“. Alles Lüge. Alle haben mitgemacht.

Die Gefährlichkeit der Lüge liegt in der Verallgemeinerung, sie liegt in dem Fehlen von Zwischentönen und Mittellagen und damit auch in dem Fehlen von Kompromiss- und Friedensmöglichkeiten. Die Abstufungen sind jedoch entscheidend. Totalitäre Systeme bauen sich Schritt-für-Schritt-für-Schritt auf, durch kleine und kleinste Grenzüberschreitungen, die ständig nachverhandelt werden. Als klinischer Psychologe weiß Peterson, dass man ebenfalls kleine Schritte unternehmen muss, um da wieder rauszukommen. Daher sind seine Ratschläge einerseits weitschweifig theoretisch begründet, andererseits praktisch umsetzbar und wirken auf den ersten Blick banal – wie etwa die Tipps, das Zimmer aufzuräumen oder Katzen zu streicheln.

Literarischer Hochleistungssport

Die genaue Wortwahl ist wichtig. An seinem ersten Buch Maps Of Meaning hat Peterson fünfzehn Jahre gearbeitet. Er hatte sich dazu eine Disziplin auferlegt, die er von Hemingway übernommen hatte – früh aufstehen, schreiben, mindestens drei Stunden lang, täglich, keine Ablenkungen dulden –, nur dass Peterson bei der Gelegenheit auch noch darauf verzichtet hat zu rauchen und zu trinken. Er hat jeden Satz fünfzig Mal überarbeitet.

Von Hemingway heißt es, er hätte „Der alte Mann und das Meer“ vierzig Mal umgeschrieben; allein die erste Seite hätte er 140 Mal abgetippt. Die über tausend Seiten von ‚Krieg und Frieden‘ wurden sieben Mal in voller Länger abgeschrieben. Von Hand. Das ist Literatur als Hochleistungssport für Langstreckenläufer. Das gilt auch für Haruki Murakami. So ist Petersons Stil entstanden, sein Sound.

Er hätte so eine unscharfe Doppelung wie „Ordnung und Struktur“ nicht durchgehen lassen, schon gar nicht an so prominenter Stelle wie im Untertitel. Er hätte sich auch einen Satz wie „Dieses Buch verändert Ihr Leben!“ nicht verziehen, zumal er eine Bevormundung und Kollektivierung der Leserschaft enthält, die ihm zuwider ist. Da bin ich sicher, nach all dem, was ich von ihm gelesen und gehört habe.

Vladimir Nabokov hatte einst die gesamte erste italienische Auflage von „Lolita“ einstampfen lassen, weil er mit Nuancen in der Übersetzung nicht einverstanden war.

Wie ist die Übersetzung bei Peterson? Ich nehme mir mal eine Kostprobe aus dem zweiten Kapitel zur Brust, in der es darum geht, dass wir uns selbst erstaunlicherweise schlecht behandeln und beispielsweise Vorschriften von Ärzten in auffälligem Maße missachten. Peterson holt weit aus und schlägt zunächst die Bibel auf.

Zwei Gedanken, die er darin findet, sind uns womöglich nicht geläufig und behandeln die Frage, warum uns ausgerechnet die Schlange die Erkenntnis gebracht haben soll. Das kam so: Die Gefahr durch die Schlange hat uns aufmerksam gemacht und dazu geführt, dass wir eine erstaunliche Fähigkeit, Farben zu unterscheiden, entwickelt haben. Es war gerade diese „gottähnliche Sehkraft“, die es dem Menschen ermöglicht hat, nicht nur reifes Obst zu erkennen, sondern auch die Gefahr durch Schlangen so früh wie möglich auf dem Radar zu haben.

Diese Kraft wurde uns, wie es bei Peterson heißt, „by snake, fruit and lover“ gegeben. Es geht noch weiter. Der geschulte Blick reicht ein Stück weit in die Zukunft hinein. Die Bedeutung der Erkenntnis, die für uns dank der Schlange, dank Eva und dem Apfel möglich wurde, liegt in dem Bewusstsein der eigenen Verletzlichkeit, Nacktheit und Sterblichkeit und damit zugleich in der Entdeckung der Zukunft, der zuliebe der Mensch aufgrund seiner neuen Erkenntnisse Opfer bringt. Es heißt bei ihm:

God says something akin to this: ‘Man, because you attended to the woman, your eyes have been opened. Your godlike vision, granted to you by snake, fruit and lover, allows you to see far, even into the future. But those who see into the future can also eternally see trouble coming, and must then prepare for all contingencies and possibilities. To do that, you will have to eternally sacrifice the present for the future. You must put aside pleasure for security. In short: you will have to work. And it’s going to be difficult. I hope you’re fond of thorns and thistles, because you’re going to grow a lot of them.’”

In der Übersetzung lesen wir:

Gott sagt sinngemäß: „Okay, Kollege, nachdem du die Alte einmal klargemacht hast, siehst du besser. Aber wer sich von Schlange, Frau und Co. helfen lässt, der kann wohl auch in die Zukunft gucken, habe ich recht? Und wer in die Zukunft gucken kann, der sieht auch die ganze Scheiße, die unter Umständen auf ihn zurollt. Aber Vorbereitung ist alles, sag ich mal, und deshalb sollst du von nun an keine ruhige Minute mehr haben. Für alle Zeit wirst du dich bequemen müssen, den wunderschönen Tag von heute einer unsicheren Zukunft in den Rachen zu schmeißen. Kurz und gut, du sollst ackern und rackern und dir den Arsch abarbeiten. Schön ist was anderes, das sage ich dir gleich. Aber vielleicht stehst du ja auf Dornen und Disteln, denn die kriegst du von mir gratis obendrauf. Nur damit du weißt, wo der Frosch die Locken hat.“

Die Übersetzung ist für den Arsch

Wie kann man das ernst nehmen? Gott labert nicht. Er verwendet keinesfalls Füllsätze wie „sag ich mal“ oder „habe ich recht?“. „Scheiße“ und „Arsch“ gehen gar nicht. Das ist weder der Tonfall von Peterson noch der von Gott. Selbst an Kabarett-Standards gemessen ist die Version des Peterson-Übersetzers unter aller Sau.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Vokabel „shit“ in Petersons Schriften niemals auftaucht. Bei seinen freien Reden habe ich sie womöglich einmal gehört, als er statt „get your act together“ ausnahmsweise „geht your shit together“ gesagt hat, aber da könnte ich mich getäuscht haben.

Der „Arsch“, den der Übersetzer da eigenmächtig hineingedrückt hat, ist ohnehin eine speziell deutsche Vulgarität, die buchstäblich „für den Arsch“ ist und in einem Text von Professor Dr. Jordan B. Peterson nicht nur unpassend, sondern richtiggehend schädlich ist. Toxisch, wie man in Feministen-Kreisen sagen würde. Es wirkt geradezu so, als wollte man ihm etwas antun und seine Sprache absichtlich niedermachen, seinen Sprachgestus vorsätzlich versauen.

Es steht so nicht im englischen Text. Der Übersetzer ist nicht etwa flüchtig über die Seiten hinweggehuscht. Er hat Extras hineingeschrieben. Er hat sozusagen Überstunden gemacht, um den Text zu verderben. Jedenfalls einer der beiden Übersetzer. Es gibt erstaunlicherweise zwei, die sich abgelöst haben.

So macht man Gelaber-Rhabarber

An der Kostprobe ist noch mehr falsch; „Scheiße“ und „Arsch“ sind nur die beiden Knaller, die zuallererst ins Auge springen. In Petersons Text gibt es keine Bewertungen. Das ist ein wichtiger Punkt. Schlampige Bewertungen sind eine journalistische Unsitte, die inzwischen weit um sich gegriffen hat und immer weiter um sich greift, die sich bei einer literarischen Schreibweise jedoch verbietet.

Solche Bewertungen hat der Übersetzer mutwillig hinzugefügt. „Gegenwart“ ist im Original nicht etwa der „wunderschöne Tag von heute“, sondern einfach nur Gegenwart, und „Zukunft“ ist keine „unsichere Zukunft“. Im Gegenteil. Die Vorausschau, die das kluge Opfer mit sich bringt, soll ja gerade die Zukunft sicherer machen. Deshalb ist auch das Opfer nicht nur eine überflüssige Angewohnheit aus vergangenen Tagen. Opfer bedeutet so viel wie Planung und Vorsorge. Ein Opfer ist nicht sinnlos und keineswegs etwas, das einem nimmersatten Monster „in den Rachen“ geschmissen wird. Der falsche Zungenschlag verrät, dass auch der Inhalt nicht richtig verstanden wurde.

So entsteht der Eindruck, dass nicht nur Gott labert. Auch Peterson wirkt durch die Extras und aufgesetzte Flapsigkeiten geschwätziger, als er in Wirklichkeit ist. Die überflüssigen Verzierungen und vorschnellen Bewertungen, die wie Unkraut in seiner Prosa wuchern, lassen einen Plauderton entstehen, der billig und ungepflegt wirkt.

Was ist mit den „Dornen und Disteln“? Auch falsch. Sie sind bei Peterson nicht etwas, das uns Gott „gratis obendrauf“ gibt, sondern vielmehr etwas, für dessen Wachstum und Ausbreitung der Mensch selbst verantwortlich ist. Das ist nicht etwa ein kleiner, sondern ein großer, ein prinzipieller Unterschied. Er berücksichtigt die Frage der Verantwortung und beachtet, wer etwas tut und wem etwas angetan wird.

Doch hier wird wieder die feministische Nebelmaschine angeworfen, die alles in ein lähmendes, aber zugleich autoritäres Passiv einhüllt und keinen Urheber erkennen lässt. Man gerät in einen Modus, bei dem einem alles immer nur irgendwie zustößt; es gibt nichts, dass man selbst in die Hand nehmen könnte. Niemand ist für irgendetwas zuständig oder verantwortlich, die Sprache ist ein einziger Brei für zahnlose Problemfälle geworden und alle klagen, jammern und jaulen, dass sie immer nur Opfer sein müssen. Genau gegen diese Mentalität wenden sich Petersons Ratschläge zur Selbsthilfe.

Jordan Peterson steht unter strenger, missgünstiger Beobachtung

Peterson ist auf Welttournee: Amerika, Australien, Südafrika. Er hat es in Europa schon bis Dublin, bis Oslo und Helsinki geschafft, aber noch nicht bis nach Deutschland. Da scheint ein blinder Fleck zu sein. Es gibt in Deutschland keine Willkommens-Kultur für ihn. Hierzulande wird ihm ein schäbiger Fransenteppich ausgerollt. Die deutsche Ausgabe präsentiert ihn als Scharlatan. Sie ist lieblos aufgemacht und hat wahrscheinlich nicht nur die Macken, die ich stichprobenartig aufgezeigt habe.

Erstaunlicherweise fehlen auch die Illustrationen. Dadurch bleiben die Hinweise unverständlich, die sich darauf beziehen – was bei einem sorgfältigen Lektorat aufgefallen sein müsste. Aus dem Klappentext erfahren wir erstaunlich wenig. Dabei gäbe es viel zu sagen. Doch da heißt es nur lapidar: „Mehr zum Autor auf der englisch-sprachigen Webseite“. Ach so. Das muss einem natürlich gesagt werden.

Es gab schon einige Vorab-Besprechungen, die nicht mehr im grünen Bereich waren. Peterson wurde vorgeworfen, dass er Verschwörungstheorien verbreite (welche auch immer), dass er männliche Privilegien verteidige, dass er gefährlich sei (warum auch immer …, für wen auch immer …), und dass er konservativ sei, womöglich sogar – ganz schlimm – rechts. Außerdem sei das nur Ratgeber-Ramschware, mit der er unberechtigterweise Millionen verdiene.

Dass Peterson übervorsichtig mit seiner Wortwahl ist, ist nicht etwa Besessenheit oder überzogener literarischer Anspruch. Es ist Notwehr. Er steht da wie in einer Krimiszene, in der man jemanden eine Pistole vor die Brust hält und sagt: „Kein falsches Wort! Keine falsche Bewegung!“ Er achtet notgedrungen auf seine Formulierungen. Die Häscher, Denunzianten und Sykophanten, die ihm unbedingt etwas anhängen wollen, stehen Schlange … da ist sie wieder: Die Schlange. Es gibt sie nicht nur im Paradies.

Fußball-technisch gesprochen gehört Peterson in der Champions League, in Deutschland lässt man ihn in der Kreisklasse mitspielen.

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