Buch - Schule - Faktum Magazin

Der Übermuslim
von Fethi Benslama
– eine Buchbesprechung

von Günter Buchholz

„Der Übermuslim“ von Fethi Benslama  –  eine Buchbesprechung

Anis Amri, ein junger muslimischer Immigrant aus Tunesien, hat kurz vor Weihnachten 2016 den djihadistischen Massenmord auf dem Berliner Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz begangen. Die deutsche Politik und die mediale Öffentlichkeit reagierten schockiert und so verständnislos wie in allen ähnlichen Fällen in Europa.

Diese Unfähigkeit, überhaupt zu erfassen und zu begreifen, was da eigentlich vor sich geht, ist deshalb Anlaß größter Sorge, weil sie zugleich Ausdruck intellektueller Hilflosigkeit ist, die verhindert, daß das Notwendige getan werden kann.

Da es immer um einzelne Täter geht, setzt prompt eine individualpsychologische Betrachtung ein, wobei typischerweise die hier in der Regel gar nicht bekannte islamisch geprägte Sozialisation ausgeblendet bleibt. Ebenso schlicht wie falsch wird einfach unterstellt, daß ausgehend von europäischen Sozialisationserfahrungen und -theorien die psychische Motivation muslimischer Assassinen erschlossen werden könne. Das ist jedoch ein fundamentaler Irrtum, und es ist ein Irrtum ums Ganze.

Das bedeutet nicht, daß ein individualpsychologischer Zugang unmöglich wäre, aber es bedeutet zwingend, daß dieser Zugang islamisch und koranisch, also kulturspezifisch kontextualisiert werden muß. Nur so können praktisch relevante Einsichten erschlossen werden.

Hierzu liegt nun ein schmaler, aber wichtiger und sehr empfehlenswerter Band aus dem Programm des Verlags Matthes & Seitz in Berlin vor, nämlich das Buch:

Fethi Benslama

Der Übermuslim – Was junge Menschen zur Radikalisierung treibt

141 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag

Übersetzung: Monika Mager, Michael Schmid, erschienen: 2017

ISBN: 978-3-95757-388-9 ; Preis: 18,00 €

Der Titel ist sehr treffend gewählt worden, denn der Untertitel: „Was junge Menschen zur Radikalisierung treibt“ benennt die Fragestellung und das Problem, das heute den europäischen Ländern schmerzhaft auf den Nägeln brennt. Und der Titel: „Der Übermuslim“ gibt aus psychoanalytischer Sicht in verdichteter und verschlüsselter Form die Antwort darauf: hier angedeutet durch den Bezug auf Nietzsches Begriff des „Übermenschen“.

Der Autor – Fethi Benslama – wurde 1961 in Tunis geboren und ist als Psychoanalytiker und als Professor für Psychoanalyse an der Universität Paris Diderot tätig.

Er gilt als einer der wichtigsten französischsprachigen Islamismusforscher.

Der Autor ist also als Muslim geboren und erzogen worden, im engsten Zusammenhang mit einer 1400 Jahre alten soziokulturellen islamischen Tradition, aus der er sich durch den Besuch einer französischen Schule, später der Hochschule – vermutlich – mehr oder weniger weitgehend hat lösen können. Aus dem Islam auszutreten (Apostasie) ist nicht möglich und mit höchster Strafdrohung verboten, aber es mag sein, daß die diesbezügliche soziale Kontrolle in Frankreich zumindest bisher relativ schwach war.

Das ist mit Blick auf die Analyse der Radikalisierten wichtig, weil der Autor dadurch zugleich Insider und Outsider ist, denn er ist einerseits soziokulturell identisch mit dem fraglichen Personenkreis, andererseits hat er als Psychoanalytiker die notwendige professionelle Distanz und Differenz zum Herkunftsmilieu. Daraus ergibt sich ein Aspekt, der für europäische Leser wichtig ist: sie verfügen aufgrund ihrer soziokulturellen Entwicklung nämlich weder über Kenntnisse noch über Erfahrungen der tradierten islamischen Kultur und Lebensweise, sind sich aber dieser völligen Unwissenheit meist nicht bewußt, sondern projizieren ihre kulturellen Prägungen ebenso naiv wie falsch auf Muslime, die völlig andersartig, nämlich koranisch geprägt worden sind, und das bringt diese strukturell in eine vorteilhafte Konfliktposition.

Aber die Kenntnis dieser kulturspezifischen Prägungen wird von Fethi Benslama vorausgesetzt, und auf dieser vorausgesetzten Grundlage setzen dann seine psychoanalytischen Reflexionen ein.

Darin liegt eine Schwierigkeit, denn sie werden dadurch zwar nicht unverständlich, aber ein europäischer Leser wird durch die Lektüre dazu tendieren, eine psychologistisch verkürzte Sicht zu entwickeln, die letztlich nicht angemessen ist. Es geht aber nicht allein um muslimische Täter, die am Erwachsenwerden gescheitert sind, oder die zu scheitern drohen, sondern es geht ebenso um den Islam und die ihm entsprechende schariatisch geregelte Gesellschaft, was bei unserem Autor unausgesprochen bleibt; möglicherweise würde er als Muslim dem Rezensenten hier auch widersprechen.

Das Verständnis des Buches von Fethi Benslama bedarf vorab der Einbettung in den Europäern völlig fremden soziokulturellen Zusammenhang des Islams.

Deshalb ist es empfehlenswert, sich zunächst einmal Zugang zu diesem zu verschaffen, indem aus der vorliegenden orientalistischen und sozialwissenschaftlichen Fachliteratur ausgewählt wird.

Es sei hier besonders auf Tilman Nagel und Hans-Peter Raddatz hingewiesen, ebenso auf Hartmut Krauss. Von ihm gibt es ein für diesen Zweck besonders geeignetes und gut lesbares Buch mit dem Titel:

Islam, Islamismus, muslimische Gegengesellschaft
– eine kritische Bestandsaufnahme,
3. korr. Auflage,
Hintergrund Verlag: Osnabrück 2012, 451 S.,
ISBN 978-3-00-024512-1

Das Buch von Fethi Benslama enthält zwei Teile, bezeichnet als

  • Zur Radikalisierung

  • Der Übermuslim und seine Überwindung.

Zunächst geht es ihm um die Genese der Radikalisierung junger Muslime im Alter zwischen 15 und 30 Jahren im Zusammenhang mit gestörten und mißlingenden Entwicklungs- und Reifungsprozessen, dann um die Darstellung der Herausbildung einer realen Unterwertigkeits-erfahrung, die psychisch als schwerste Kränkung erlebt wird, weil eine imaginierte islamisch-kulturelle Überwertigkeit kollektiv sozialisiert wurde; hierfür ist der Korantext direkt verantwortlich.

Die Verarbeitung dieses Widerspruchs führt aufgrund dieses koranischen Texthintergrundes zur mehr oder minder großen Wahrscheinlichkeit einer Annahme der koranisch gebotenen djihadistisch-nihilistischen Radikalisierung und Gewaltausübung bis hin zum erweiterten Suizid durch Identifikation mit einem imaginierten „Allah“: die koranisch nicht nur angebotene, sondern gebotene Scheinlösung durch den djihadistisch-suizidalen „Märtyrertod“. Der vermeintlich Schwerstgekränkte schwingt sich psychisch kurzzeitig auf zum Übermuslim, den er in seiner mörderischen Gewaltaktion wirklich werden läßt, bis der sogenannte und vermeintliche Märtyrertod ihn imaginativ erlöst, und deshalb wird in dieser Situation der Tod nicht gefürchtet sondern akzeptiert oder gewünscht.

Die konstruktive Alternative zu dieser ebenso destruktiven wie bösartigen koranischen Option besteht darin, erwachsen zu werden, sozialisationsbedingte Prägungen zu relativieren, tatsächlich eigene Leistungen zu erbringen und sich in der gesellschaftlichen Praxis zu bewähren. Hiervon, und von der gleichzeitigen Deprogrammierung der koranisch geprägten Psyche, ist eine individuell gelingende Integration von Muslimen in nicht-muslimischen Gesellschaften abhängig; sie ist daher nur in relativ wenigen Fällen realistisch erwartbar. Aber möglich ist sie. Der Autor hat das allem Anschein nach vorgelebt.

 

Der Artikel erschien zunächst bei der Frankfurter Erklärung

Der Autor der Rezension ist auch für den
wöchentlich erscheinenden Freitagsbrief verantwortlich.

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