Universität - Bildung - Faktum Magazin

 

 

Akademisierungswahn und Noteninflation

von Professor Dr. Werner Müller

Weniger ist mehr

Es gibt ein Problem, das in der Tagesaktualität nicht wahrgenommen wird, aber trotzdem einen enormen gesellschaftlichen Sprengstoff enthält:

Die Stärken der deutschen Wirtschaft liegen in einem breiten Mittelstand (3,3 Mio. von insgesamt 3,6 Mio. Unternehmen sind Kleinstunternehmen unter 10 AN) und in der dualen Ausbildung (Kleinstunternehmen können aus Kostengründen keine Hochschulabsolventen einstellen). Deutschland darf sich deshalb nicht an internationalen Vergleichen und an Ländern orientieren, die keine duale Ausbildung kennen. Wir brauchen weniger und nicht mehr Studienplätze!

Einige Zahlen und Fakten

Die enorm gestiegene Studienanfängerquote (2006-12 von 35,6% auf 58,5% eines Jahrgangs / bis 2015 stabil / 2016 „nur“ 55,5% – für einen Anstieg von 12,5 % auf 35,6 % brauchte man zuvor 35 Jahre) führt zu einem Lehrlingsmangel insbesondere im Handwerk. Wenn es jetzt keine neuen Handwerksgesellen mehr gibt, wird es in 15 Jahren keine neuen Handwerksmeister geben. Das zerstört die Existenzgrundlage der Kleinstunternehmen und bricht unserer Wirtschaft das Rückgrat.

Mindestens seit 2005 ist auch eine Noteninflation zu beobachten. Über 75 % aller Hochschulabsolventen schlossen 2010 mit „sehr gut“ oder „gut“ ab. Trotz mehr mittelmäßiger Studenten (die zusätzlichen 23 % können keine Spitzenschüler gewesen sein) und immer schlechterer Leistungen verbessern sich die Noten weiter. Die Arbeitgeber können die Bewerber nicht mehr einschätzen. Die Folge ist die „Generation Praktikum“. Kaum ein Hochschulabsolvent bekommt noch eine Festanstellung. Eine befristete Stelle ist wie ein Lottogewinn, Praktikantenstellen sind die Regel.

Noteninflation in Studiengängen

Nach den einschlägigen Hochschulgesetzen und Prüfungsordnungen soll eine durchschnittliche Leistung mit “befriedigend” bewertet werden. Der Notendurchschnitt ist aber heute bei “gut“; und es geht noch besser. In einer Studie des Wissenschaftsrates der Bundesregierung hatte der Studiengang “Englisch für Lehramt an Gymnasien” der Universität Mannheim den Spitzenplatz mit 41 “sehr gut” von 42 Absolventen.
(Studie des Wissenschaftsrats [2012]: Prüfungsnoten an Hochschulen im Prüfungsjahr 2010. Arbeitsbericht mit einem wissenschaftspolitischen Kommentar des Wissenschaftsrates. Hamburg 9.11.2012, S. 320).

Hier stimmt etwas nicht!

Akademisierungswahn: Schieflage bei Bildungsabschlüssen und Arbeitsmarktanforderungen

Für die meisten Arbeitsplätze der Hochschulabsolventen hätte man vor 30 Jahren nur Realschule + Lehre gebraucht. Ein Ingenieur mit schlechten Noten wird auch keinen Handwerker ersetzen können. Ein Hochschulabsolvent kostet den Steuerzahler zudem durchschnittlich 62.000 € (29,9 Mrd. € in 2015 bei 481.588 Hochschulabsolventen), ein Berufsschüler nur 8.700 €!

Die akademische Laufbahn (Assistent – Doktorand – wissenschaftlicher Mitarbeiter – Dozent – Professor) ist praxisfern. Ein Wechsel zwischen Wirtschaft und Hochschule (z.B. 10 Jahre Praxis, 10 Jahre Hochschule, danach zurück in die Wirtschaft) scheitert an formalen Hürden. Manchmal merken Professoren nicht, dass die Studieninhalte ihres eigenen Studiums, die sie weiter an ihre Studenten verbreiten, in der Praxis seit 30 Jahren veraltet sind (siehe). Das betrifft auch anerkannte Vertreter des Fachgebietes, die oft als Päpste bezeichnet werden. Wie die Päpste im Vatikan haben sie manchmal vom wirklichen Leben keine Ahnung! Ein Handwerksmeister würde eine Veränderung sofort erkennen und seine Lehrlinge entsprechend ausbilden.

Aussterben von Berufen und die Bildungsbürokratie

Eine Verstaatlichung der Ausbildung per Hochschule macht sie zudem unflexibel. Die Bildungsbürokratie wird nicht auf aussterbende Berufe reagieren können. Wenn beamtete Professoren einmal berufen wurden, können sie nicht mehr entlassen werden. Eine Versetzung ist – außer an eine andere Hochschule – nur mit ihrer Zustimmung möglich. Man müsste dann allen Professoren einer aussterbenden Fachrichtung sehr gute Stellen anbieten, und sie würden ihre Anforderungen hochschrauben. Es werden also keine Fachrichtungen aussterben, auch wenn sie veraltet wären. Für die Hochschulabsolventen wäre es am Ende, als wenn man mit der Ausbildung zum Hufschmied Landmaschinen reparieren müsste; dass die Bauern keine Pferde mehr haben hätte die Ministerialbürokratie aus Bequemlichkeit nicht zur Kenntnis genommen.

Nach einer Studie von Soziologen der Universitäten Bielefeld und Würzburg im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft betrügen 79 % der Studenten bei Prüfungen und 94 % der Täuschungen bleiben unentdeckt. Das ist nur mit einer Vertuschungskultur in den Hochschulen zu erklären. Die Leistung der Hochschulen wird an guten Zahlen wie einer niedrigen Durchfallquote gemessen. Es herrscht die gleiche Einstellung wie in der Automobilindustrie in Bezug auf Abgaswerte. (gute Zahlen auf dem Prüfstand, die realen Bedingungen interessieren nicht!)

Reform des Arbeitsmarktes ohne Bildungsverlust

Es wird nicht genügen, allein mit einem Abbau von Studienplätzen die Abwerbung aus dem dualen System zu stoppen. Es muss auch mit einer Verbesserung der fachtheoretischen Komponente und verbesserten Strukturen gestärkt werden. Dabei ist besonders das Konzept lebenslangen Lernens eine Chance. Wenn Jugendliche mit 16 Jahren eine Lehre beginnen, können sie ihre Abschlussprüfung mit 19 bestanden haben. Danach sollten sie erst einmal ihre Jugend genießen und mit Ende 20 einen Fortbildungsabschluss (Meisterprüfung und Ähnliches) anstreben. Bei der Meisterprüfung könnte man eine Aufteilung der jetzigen 4 Teilleistungen vornehmen, in Theorie und Praxis einerseits und Ausbildereignung und Betriebsführung andererseits. Den zweiten Teil benötigen nur selbständige Handwerksmeister für die Eintragung in die Handwerksrolle. Die Zweiteilung würde Hürden absenken, nicht aber das Niveau. Trotzdem würden sich die Fortbildungsraten deutlich erhöhen.

Danach sollte es noch einen Abschluss als „anerkannter Experte“ (einen Namen könnte man noch finden) geben, der etwa mit Mitte bis Ende 40 (mindestens 10 Jahre nach dem Fortbildungsabschluss) sinnvoll wäre. Hier sollte nicht schnell gelerntes Abfragewissen, sondern die Reflektion der Berufserfahrung im Mittelpunkt stehen. Vor diesem Hintergrund sollte der Kandidat nachweisen, dass er in seinem Berufsleben mit seiner Erfahrung eine fundierte Problemlösungskompetenz entwickelt hat. Dieser Ansatz zur Umsetzung eines lebenslangen Lernens wäre ein Vorteil des dualen Systems, weil nach einigen Jahren Berufspraxis ein Wechsel von Hochschulabsolventen zurück an die Uni nicht realistisch wäre. Die Kammern haben aber mit beruflichen Fortbildungen in kurzen Auszeit-Phasen oder berufsbegleitend eine langjährige Erfahrung. Die duale Ausbildung als Standbein der deutschen Wirtschaft muss mit solchen Konzepten gestärkt und nicht mit der Akademisierung geschwächt werden.

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