Wirtschaft: Grundlagen, Geschichte, Perspektiven

3. Fokussierung

Die Entwicklung des ökonomischen Denkens begann in der Antike mit Aristoteles (2006). Im Mittelpunkt stand bei ihm einerseits die naturalwirtschaftliche „Ökonomik des Ganzen Hauses“ (oikos), andererseits jene Spannung, die sich aus der Überformung und Durchdringung der Naturalwirtschaft durch die – auf Grundlage des sich erweiternden Handels – anfangs noch marginale aber expandierende Geldwirtschaft ergab.

Aristoteles bezeichnete die Geldwirtschaft als „Chrematistik“. Er kritisierte, dass diese Orientierung auf monetären Reichtum die Ökonomik des Ganzen Hauses und damit die Naturalwirtschaft überhaupt bedrohe, indem die limitierende Beziehung zu den natürlichen menschlichen Bedürfnissen zerschnitten würde, sodass das menschliche Maß verloren gehe. In der mythischen Erzählung vom König Midas hat diese Kritik ihre gültige Form gefunden. Midas hatte die sagenhafte Fähigkeit, durch seine bloße Berührung alle Dinge in Gold zu verwandeln, was ihm aber, weil das auch für seine eigenen Nahrungsmittel galt, den Hungertod brachte.

Mit dem Übergang von der entwickelten mittelalterlich-frühneuzeitlichen Geldwirtschaft zur Kapitalwirtschaft wurde in Schottland und England die Politische Ökonomie begründet, die sich einerseits kritisch auf das in Frankreich entwickelte, noch geldwirtschaftlich geprägte merkantilistische Wirtschaftssystem bezog, und die andererseits den Versuch unternahm, die auch in technologischer Hinsicht (Industrielle Revolution) revolutionäre und völlig neuartige Kapitalwirtschaft zu begründen.

Man versuchte, die gesamtwirtschaftliche Produktion (Adam Smith) und die Verteilung (David Ricardo) mit der bürgerlichen Arbeitswerttheorie (William Petty, John Locke) zu erklären und auf dieser Basis die Bewegungsgesetze der kapitalistischen Wirtschaft zu entdecken. Hierin bestand die große Bedeutung der „Schottischen Aufklärung“ (David Hume, Adam Smith), die auch stark auf die deutsche idealistische Philosophie (Kant, Hegel) einwirkte.

Diese damals vorhandenen Ansichten wurden in der Theorie von Karl Marx zum Gegenstand der genaueren Untersuchung, Auseinandersetzung und Kritik. Marx´ Hauptwerk heißt: Das Kapital – Kritik der Politischen Ökonomie. Wie der Titel sagt, war es das Ziel von Marx, durch eine Kritik der damaligen Erkenntnisse, auf der Basis einer wesentlichen Richtigstellung der vorherrschenden Arbeitswerttheorie, die „Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft“ aufzudecken, ihre Funktionszusammenhänge und daraus hervorgehende Entwicklungstendenzen zu erforschen und als Kapitalwirtschaft ebenso wie als Klassengesellschaft begreifbar zu machen.

Die bürgerliche Gesellschaft wurde von Marx wie auch schon von G. W. F. Hegel als eine widersprüchliche, zutiefst entzweite, konflikthafte Gesellschaft begriffen. Daher explizierte Marx auf jeder Stufe seiner Theorie den Doppelcharakter seiner Begriffe und die Widersprüchlichkeit der Phänomene, zu Beginn den Begriff der Ware, die im wirtschaftlichen Handeln als Gebrauchswert und Tauschwert fungiert: ein dialektischer Widerspruch (Marx 1993).

Weil Marx die Ware, ihre Produktion und ihre Widersprüchlichkeiten als etwas gesellschaftlich Objektives und nicht etwa einen menschlichen Denk- oder Bewusstseinsvorgang, also etwas individuell Subjektives zum Ausgangspunkt nahm, beanspruchte er für seinen Ansatz das Gütesiegel einer materialistischen und dialektischen Theorie.

Die Wertschöpfung und Verteilung wurden darin ebenso stimmig erklärt wie Akkumulation, Kapitalkreisläufe, Kredit und ökonomische Krise (Müller 2009). Der bürgerliche Staat und der Weltmarkt konnten allerdings nicht mehr abgehandelt werden.

Mit seinem Ableben im Jahr 1883 hinterließ Marx ein unvollendetes Mammutwerk. Während des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts setzte sich dann in Deutschland die Industrielle Revolution durch. Zugleich entwickelte sich rasch eine Arbeiterbewegung, in die die Analyse von Marx hineinwirkte. Im Bürgertum sprach man von einer bedrohlichen „Sozialen Frage“, nicht zuletzt, weil sich in Frankreich mit der Pariser Kommune 1871 erstmals eine konkrete Alternative zur bürgerlichen Gesellschaft abzuzeichnen schien und die Wirtschaft in eine tiefe Krise geriet (1. Große Depression; ab 1873).

Die ehemals bürgerliche Arbeitswerttheorie war von Marx weiter entwickelt und so in eine Grundlage seiner Kritik der bürgerlichen Gesellschaft verwandelt worden. Damit verlor sie für das Bürgertum nicht nur ihre Brauchbarkeit, sondern wurde sogar zu einer bewusst wahrgenommenen Gefahr. Sie musste deswegen aufgegeben und durch eine neue Theorie ersetzt werden, die die bürgerliche Gesellschaft rechtfertigen konnte, indem sie ein harmonisches Bild von ihr zeichnete.

Deren Ausgangspunkt war die Grenznutzentheorie oder die „marginal revolution“ (Gossen, Wieser, Menger, Jevons). Leon Walras entwickelte daraus eine statische Theorie des allgemeinen Marktgleichgewichts, die bis heute zum Ausgangspunkt und Zentrum der neoklassischen oder mikroökonomischen Theorie wurde (Hofmann 1971). Sowohl von der klassischen Politischen Ökonomie (Smith, Ricardo) wie von der Kritik der Politischen Ökonomie (Marx) unterscheidet sich diese Theorie fundamental, obwohl sie sich gelegentlich gern auf Smith zurück bezieht, um den Bruch zur Klassik zu vertuschen und eine so nicht vorhandene Kontinuität zu suggerieren.

Die Neoklassiker konzentrierten sich auf das einzelne Wirtschaftssubjekt mit seinen individuellen Präferenzen und Wahlentscheidungen, auf den Tausch und auf die Verteilung knapper Ressourcen. Die Kapitaleigner wurden verhaltenstheoretisch den Verbrauchern und Lohnarbeitern mit der Annahme gleich gestellt, dass alle Wirtschaftssubjekte ihren Nutzen maximieren wollen. Insoweit verfolgen alle Marktteilnehmer angeblich dasselbe Interesse, und es herrscht eine vom Marktprozess mittels der Preiskonkurrenz und des Wechselspiels der beiden Marktseiten durchgesetzte Harmonie in Gestalt des so genannten allgemeinen Gleichgewichts aller Märkte. Der Markt wurde daher als Garant für Gleichgewicht und Wohlfahrt gesehen. Die Kapitalwirtschaft wurde unter Abstraktion vom Geld als bloße Tauschwirtschaft aufgefasst und wirtschaftliche Krisen konnten auf der Grundlage der theoretischen Vorannahmen eigentlich nicht vorkommen.

Bei der Neoklassik handelt es sich um einen Theorietypus, der ebenso rationalistisch wie idealistisch ist. Der idealistische Charakter der Theorie ergibt sich daraus, dass der Ausgangspunkt der Theoriebildung das menschlichen Denken bzw. das menschliche Bewusstsein, eine Konstruktion im Kopf ist. Deren Rationalismus liegt in der zentralen Annahme des ´homo oeconomicus´ und wird mit angenommenen idealen Merkmalen der Märkte abgesichert.

Diese Annahmen fungieren wie die Axiome in der Mathematik, und tatsächlich handelt es sich um eine empirisch leere mathematische Theorie, die überdies, weil sie die Ökonomie weder als Kapitalwirtschaft noch als Geldwirtschaft, vielmehr letztlich als bloße Tauschwirtschaft begreift, ihren Gegenstand grundsätzlich verfehlt. Daran vermögen auch die punktuell realistischeren Prämissen der jüngeren Theorie nichts zu ändern.

Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 (2. Große Depression) bewirkte eine historische und theoretische Zäsur. Die Krise trat als umfassendes Marktversagen in Erscheinung, und die neoklassisch orientierte Wirtschaftspolitik wirkte krisenverschärfend. Dieses doppelte Versagen zwang die Wirtschaftspolitik, sich von neoklassischen Vorstellungen zu lösen, andere Wege zu gehen und dabei auch auf die Methode von Versuch und Irrtum zu setzen. Unter dramatischen und komplizierten Zeitumständen entwickelte John Maynard Keynes in England seine „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ (1936).

Keynes´ Kritik an der Neoklassik griff zunächst das sogenannte Say’sche Theorem an (Keynes 1936, S. 16 ff.) in dem behauptet wurde, dass die Nachfrage kein Problem darstelle: sie sei stets gewährleistet. Eben das ist nach Keynes aber falsch. Dann entwickelte er in Differenz zur mikroökonomischen Preistheorie und mit Rückgriff auf klassische Lehrmeinungen (Quesnay 1768) eine übergeordnete makroökonomische Kreislauflogik auf der Grundlage ökonomischer Aggregate (Investition, Konsum, Staatsverbrauch, Außenhandel). Auf die für die Mikroökonomik zentrale Annahme des ´homo oeconomicus´ verzichtete er zugunsten plausibler psychologisch-statistischer Annahmen wie den Hang zum Verbrauch, die Veranlassung zur Investition und die Vorliebe für Liquidität.

Angesichts der tiefen Depression der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts bestanden seine kurzfristigen wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen darin, im Falle einer ökonomischen Krise eine Schließung der Nachfragelücke durch den bürgerlichen Staat zu fordern. Das lief natürlich auf eine Rettung des liberalen kapitalwirtschaftlichen Systems hinaus, das sich zu dieser Zeit von zwei Seiten zugleich bedroht sah, nämlich von der planwirtschaftlichen Sowjetunion einerseits und vom kriegswirtschaftlichen NS-System andererseits.

Langfristig, nämlich im Hinblick auf eine zukünftige „mature economy“, eine reife kapitalistische Ökonomie also, forderte er die soziale „Euthanasie des Rentiers“, d. h. der Geldvermögensbesitzer, und die „Sozialisierung der Investition“ sowie die dann möglich und notwendige Herabstufung der Bedeutung der Ökonomie durch die Gesellschaft. Damit thematisierte er bereits die ökonomisch-historischen Grenzen der Kapitalwirtschaft wie wir sie kennen. (Keynes 1936, S. 314 ff.; Mattfeldt 1985).

Keynes´ makroökonomische Vorstellungen stellen einen bedeutenden und gültigen theoretischen Fortschritt dar. Seine Theorie trifft den realen Erkenntnisgegenstand Kapitalwirtschaft, bleibt aber wie die Neoklassik auf die Marktprozesse beschränkt. Durch die alles bestimmenden psychologischen „Neigungen“ spielen jetzt auch menschliche Bewusstseinsprozesse in Verbindung mit Geld eine wichtige Rolle, und zwar insbesondere im Hinblick auf die historische Zeit und die mit ihr unvermeidlich verbundene Ungewissheit. Indem nicht nur rationale, sondern ebenso irrationale Motive in der Theorie berücksichtigt werden, findet eine verallgemeinernde Erweiterung des neoklassischen Verständnisses statt. Das gedankliche Konstrukt eines strikt rationalen homo oeconomicus wird in diesem theoretischen Konzept, welches die kapitalwirtschaftlichen Prozesse aus verschiedenen Gründen als instabil begreift, nicht mehr benötigt.

Gesellschaftliche Machtverhältnisse werden von Keynes aber nur implizit thematisiert. Auf den Staat wird ohne weiteres Hinterfragen Bezug genommen, und die tatsächlichen wirtschaftspolitischen Lenkungsmöglichkeiten der Ökonomie werden mehr oder weniger unterstellt.

Die kapitalistische Bewegungsdynamik einschließlich der Finanzmärkte wurde zwar nicht von Keynes, aber auf Basis seiner Theorie von seinen Schülern analysiert: der Postkeynesianismus hat sich auf diesem Wege als eine wissenschaftlich produktive Forschungsrichtung erwiesen, wie aktuell z. B. Minsky´s Beitrag zur Erklärung der Finanzkrisen zeigt (Minsky 2007).

Die keynesianische Theorie hatte die Neoklassik durch die makroökonomisch ansetzende Kritik und eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik bis zur Krise von 1975 zurückgedrängt. Das in dieser Zeit überraschend zunehmende Inflationsproblem begünstigte nunmehr die Durchsetzung des gegen Keynes gerichteten wirtschaftspolitischen Konzepts des Monetarismus (Friedman 1962), das zuerst von den Zentralbanken aufgegriffen wurde.

Da dieses Konzept Märkte im Gleichgewicht unterstellte, kam es im Zuge der sogenannten monetaristischen Konterrevolution auch zur Rückkehr der Neoklassik. In deren Verlauf verdrängte dann eine rechtsliberale, sich auf Friedrich August von Hayek (Hayek 1944) berufende Radikalisierung die neoklassischen Gleichgewichtsvorstellungen und ersetzte sie weitgehend durch die Wettbewerbstheorie von Hayek (Österreichische Schule).

Keynes‘ Sozialliberalismus oder Linksliberalismus wurde in Deutschland, nicht zuletzt durch die Mont Pèlerin Society (Nordmann 2005) zu einem Feindbild, und die einmal gewonnenen makroökonomischen Einsichten wurden verdrängt. Diese politisch über einen Zeitraum von dreißig Jahren sehr erfolgreiche neoliberale Konterrevolution, die schließlich in der Weltwirtschaftskrise von 2008 auf ihre Grenzen gestoßen ist, basierte auf einer interessenbedingten, theoretisch nur teilweise kohärenten politischen Kombination von Neoklassik, Wettbewerbstheorie und Monetarismus.

Diese Kombination bedeutete gegenüber der keynesianischen Makroökonomik einen enormen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Rückschritt. Zwar ist dieser neoliberale wirtschaftstheoretische Ansatz in der Weltwirtschaftskrise von 2008 ff. zwar gescheitert, aber aufgrund der bestehenden gesellschaftlichen Machtverhältnisse noch nicht abgelöst.

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Professor Dr. Günter Buchholz

Günter Buchholz ist Ökonom und emeritierter Professor für Allgemeine BWL und Consulting an der FH Hannover. Er ist verheiratet und hat eine Tochter. Seine Schwerpunkte sind Allgemeine BWL, Consulting, Politische Ökonomie, VWL und Wirtschaftsethik sowie Hochschul- und Gleichstellungspolitik.

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