nf-Radio: Herbert Grönemeyer – Männer

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Herbert Grönemeyer – Männer

von Bernhard Lassahn

Ich mochte ‚Männer’ von Grönemeyer von Anfang an nicht – mochte das Lied noch weniger, als ich mir noch einmal ‚Real Men’ von Joe Jackson angehört und die beiden Lieder verglichen habe. Das bietet sich nicht nur an, das drängt sich regelrecht auf.

Natürlich gibt es Unterschiede. Der Gestus ist anders. Man hat das Gefühl, dass bei Joe Jackson Fragezeichen mitgesungen werden. Das Thema ist gleich.

Natürlich darf man Fragen, die andere gestellt haben, aufgreifen und sich eigene Antworten überlegen. Aber für meinen Geschmack hat sich Grönemeyer sehr großzügig bedient.

Was macht einen Mann zum Mann? Was ist ein Mann ein echter Mann? Wann ist Mann ein Mann? Das fragt sich Joe Jackson – doch im Unterschied zu Grönemeyer hat man bei ihm den Eindruck, dass er sich die Frage ernsthaft stellt und sich zum Schluss zu einer deutlichen Botschaft durchringt. Bei Grönemeyer nicht.

Now it’s all change – it’s got to change more

‚Cause we think it’s getting better

but nobody’s really sure

And so it goes – go round again

But now and then we wonder who the real men are

Klammern wir mal den Tunten-Teil (die zweite und dritte Strophe) aus, in dem es um das Macho-Ideal von Schwulen geht. Betrachten wir den Rest. Davon hat Grönemeyer so viel übernommen, dass es peinlich ist.

Selbst Kleinigkeiten kommen vor, als hätte Grönemeyer keine eigenen Ideen:

„Männer sind schon als Baby blau“,

heißt es bei ihm.

Bei Jackson wird die Kennzeichnung – Jungs hellblau, Mädchen rosa – als Einstieg genommen, um zu zeigen, dass die Sache früher klar schien:

Take your mind back – I don’t know when

Sometime when it always seemed

to be just us and them

Girls that wore pink and boys that wore blue

Boys that always grew up better men

than me and you

Er sagt auch – so ist es nicht – „man can drink“, aber da ist ein Unterschied. Männer können trinken, sie sind nicht schon als Baby blau. Ich höre da eine Abwertung heraus. Ich höre es selbst da, wenn Grönemeyer singt „Männer sind auf dieser Welt einfach unersetzlich“. Für mich klingt es so, als wollte er auf ein Selbstmissverständnis der Männer hinweisen und uns sagen, dass sich Männer nur für „unersetzlich“ halten, während Jackson zur Sprache bringt, dass Männer inzwischen abgehängt sind. Aber vielleicht bin ich da zu hellhörig.

Bei Jackson heißt es „man can take a whore“, bei Grönemeyer: „Männer kaufen Frauen“. Das ist nicht dasselbe. Männer nehmen (oder kaufen) bei Jackson keine „Frauen“, sondern Nutten. Nutten sind Frauen, aber Frauen sind nicht Nutten.

Männer führen Kriege“ heißt es Grönemeyer, bei Jackson dagegen „man goes to war“.

Dass man einen Krieg führen kann, darüber hatte sich schon Walter Benjamin als Kind gewundert, als er sich eine Militärparade (nach dem Burenkrieg) ansah. Er dachte, dass „einen Krieg führen“ so etwas sein müsse, wie einen Elefanten führen. Es gab einen Triumphzug der siegreichen Feldherren. Feldherren sind Männer, aber Männer sind keine Feldherren.

Männer führen keine Kriege. Männer sind Opfer von Kriegen. Krieg als Männersache hinzustellen, gehört zur Propaganda. Ich erinnere an die Aktion „weiße Feder“, bei der Feministen (Suffragetten) Männer, die nicht wollten, nötigten, in den Krieg zu ziehen, um sich da töten oder verwunden zu lassen.

Jackson findet einen starken Schluss – wenn er schon beim Krieg angekommen ist. Er sieht drei Arten von Kriegen: den politischen (reds), den rassistischen (blacks) und den Geschlechterkrieg. Der muss beendet werden. Es würde sonst der letzte sein.

Kill all the blacks – kill all the reds

And if there’s war between the sexes

then there’ll be no people left

Das Buch ‚Frau ohne Welt Teil 1: Der Krieg gegen den Mann‚ hört so auf:

„August Strindberg konnte sich vermutlich nicht vorstellen, dass es eines Tages soweit kommen und es wirklich einen Geschlechterkrieg geben würde. Er deutete sich allerdings schon damals an. Strindberg meinte, dass, wenn es jemals zu so einen Krieg kommen sollte, die Männer ihn verlieren würden, weil sie die Frauen mehr lieben als die Frauen die Männer. Das ist nett gesagt, aber ich fürchte, dass es noch schlimmer kommt: Dann verlieren alle.

Darum geht es. Das kann uns auch eine Frau vorsingen:

Bisherige Liedvorstellungen von nf-Radio

Die gesamte Playlist von nf-Radio findet sich hier.


 

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Bernhard Lassahn

Bernhard Lassahn 
wurde am 15. April 1951 in Coswig/Anhalt geboren. Als er zwei Jahre alt war, flüchtete die Familie über Berlin in den Westen. Er ging in Osnabrück zur Schule, war 1968/69 Austauschschüler in Hartford/Michigan, studierte in Marburg und Tübingen und lebte lange mit Frau und Tochter in Hamburg. Er war Stadtschreiber in Otterndorf, Stipendiat im Kloster Cismar und Turmschreiber in Abenberg. Er ist der erster Preisträger des Preises ‚Salzburger Stier’, der für Kabarett- und Rundfunktexte verliehen wurde. Er ist Mitglied im PEN und im Verein ‚Laufende Bilder’, der die Zeit der Stummfilme wiederauferstehen lässt. Zur Zeit lebt er in Berlin und tritt regelmäßig in der Lesebühne des Zebrano-Theaters auf und... weiter...  

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Auf einer Tagung hörte ich den Spruch: „Der Mann ist Kultur stiftend.“
Es ist Zeit zu sagen: Ich bin ein Mann und es ist gut so!

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