Buchbesprechung

Rezension: U. Kutschera, Das Gender-Paradoxon – „Schwule Käfer gibt es nicht.“

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Eine Rezension.

U. Kutschera, Das Gender-Paradoxon
– „Schwule Käfer gibt es nicht.“

Die Affäre um die Phillips-Universität Marburg und Professor Ulrich Kutschera diente als Anstoß für die Rezension des Buches „Das Gender-Paradoxon“. Dieses Buch hat Ulrich Kutschera nahezu zeitgleich zu den Vorkomnissen in Marburg veröffentlicht.

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„Das Gender-Paradoxon“ wird viele Ideologen provozieren. Kunststück: Es beinhaltet sowohl Kritik am Feminismus/Gender Mainstreaming als auch am Kreationismus. Damit schafft sich das Buch Gegner in zwei mächtigen Lagern. Problematisch ist hierbei wiederum, dass ausgerechnet diese beiden Lager nichts mit Wissenschaft und fundierten Erkenntnissen anfangen können.

Dass Kutschera auch keineswegs ein Gegner von Frauenthemen und der Gleichberechtigung ist, wird an der Erwähnung der „Anti-Leihmutterschafts-Kampagne“ der EMMA und einer konkreten Stellungnahme zur Gleichberechtigung deutlich.

Selbstverständlich darf weder an Universitäten noch in anderen Arbeitsbereichen Deutschlands kein Mensch, ob Mann, Frau, homo- oder heteroerotisch veranlagt, benachteiligt werden. Vor dem Grundgesetz sind alle Bürger gleich, und zum Einhalten dieser zentralen Aufgabe sind alle Arbeitgeber und Mitarbeiter verpflichtet.

U. Kutschera, Das Gender-Paradoxon, S. 122

Diese Aussage ist nur an dieser Stelle auf den Bereich der Arbeit beschränkt. In weiteren Auslassungen wird deutlich, dass die Aussage auf andere Lebensbereiche ebenso zutrifft und zutreffen muss.

Das Buch liest sich flüssig. An vielen Stellen wird allerdings die Neugier auf weitere Tatsachen geweckt. Einem jeden Leser ist es überlassen, weitere Recherchen zwischendurch anzustellen. Mir kam zugute, dass ich offenbar eine (damals wenig geschätzte) Biologielehrerin im Grundkurs der gymnsialen Oberstufe hatte, die mir z. B. Wissen über haploide und diploide Zellen dauerhaft vermittelt hat.

Diese Begriffe erläutert Kutschera allerdings verständlich. Bei der Lektüre des Buches ist mir kein wissenschaftlicher Ausdruck begegnet, den ich zum Verständnis durch weitere Information hätte ergänzen müssen. Der Autor schafft es hervorragend, Fakten und Wissen zu vermitteln. Seine Sprache ist durchgängig in einem verständlichen Ton gehalten, der auch außerhalb akademischer Kreise gut verständlich ist.

Dem Autor ist es daran gelegen, Fakten zu vermitteln, die über Jahrhunderte in akribischer Kleinarbeit durch Biologen ermittelt wurden. Dabei berücksichtigt er Biologen und Botaniker wie Charles Darwin, August Weismann und Julius Sachs. Gerade Charles Darwin wird – aus der zeitlichen Perspektive – auch kritisch betrachtet. Die Zeit lehrte andere Schlussfolgerungen, was allerdings nichts am Wert der Forschung von Darwin ändert.

Da der Autor bereits viele Jahre als Professor der Biologie auch in der Forschung tätig ist, kann er auf viele eigene Forschungsergebnisse und Veröffentlichungen verweisen. Der wissenschaftliche Bezug des Buches hindert die genannten Gegner allerdings nicht an unsachgemäßer, ideologischer Kritik fernab von Fakten.

Kutschera macht selbst auf die Gefahr der Nazikeule aufmerksam, als er beschreibt, dass es neben einer „Gendermedizin(Gender als biologischer Begriff für Geschlecht) auch eine „Rassenmedizin„, die nach der Rasse des Menschen unterscheidet, geben müsse. Die körperlichen Unterschiede zwischen schwarzen, weißen und anderen Menschen sind ebenso nachweisbar wie die Unterschiede zwischen Mann und Frau. Dies anzumerken wird in unserer „vergenderten“ Zeit immer mehr zur Herausforderung.

Seine biologischen Erkenntnisse wendet Kutschera nun auf das Gender Mainstreaming und den Kreationismus an. Dies geschieht fundiert und belesen. Er hat sich mit den wichtigsten Quellen aus diesen Bereichen beschäftigt. Die Bibel wird ebenso zitiert wie Degele, Alice Schwarzer, John Money etc. Auch Dale O’Leary (oder hier) kommt mit diversen anderen zu Wort. So ist der Autor in der Lage, wissenschaftlich fundiert die Aussagen der beiden kritisierten Strömungen in seinem Buch zu betrachten und zu bewerten.

Arthur Schopenhauer - NICHT-Feminist

Was das Buch umso lesenswerter macht, ist die Betrachtung von Persönlichkeiten außerhalb des thematischen Spektrums. Die Betrachtungen lassen weitere Schlüsse zu. Äußerungen des Philosophen Arthur Schopenhauer werden ebenso wie das Leben von Peter Tschaikowsky betrachtet. Auch der Sohn des wichtigen Biologen August Weismann, der umstrittene Komponist Julius Weismann, findet Erwähnung.


Hermann Baumann spielt eine Komposition von Julius Weismann


Peter Tschaikowsky wird unaufgeregt im Zusammenhang mit einer angeborenen Homoerotik betrachtet. An dieser Stelle geht der Autor auch auf die Begriffe der Homophobie und der (in der gesellschaftlichen Betrachtung vernachlässigten) Heterophobie ein. Die Blicke über den Tellerand zeigen, dass der Professor der Biologie kein s. g. Fachidiot ist. Er vermag es sein wissenschaftliches Fach in Zusammenhang mit gesellschaftlichen Phänomenen zu setzen.


David Oistrakh spielt Peter Tschaikowsky


Intensiv beschäftigt sich der Autor mit dem „SexualwissenschaftlerJohn Money, der zwar mittlerweile kaum noch zitiert wird, dennoch aber die Grundlagen für das Gender Mainstreaming gelegt hat.

Eine Webseite über John Money.

John Money vertrat die These, dass es keinerlei wesensmäßige Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen gäbe und Männlichkeit und Weiblichkeit nur erlernte Geschlechtsrollen seien.

Kutschera zeigt deutlich auf, dass diese These gegenstandslos und schädlich ist. Dieser These ist es zu verdanken, dass körperliche Geschlechtsmerkmale mittlerweile sogar als „sozial konstruiert“ dargestellt werden. Die Philosophin Judith Butler kommt in diesem Zusammenhang ebenfalls zu Wort.

Ein Artikel über Judith Butler in der Welt.

Womit wir bei der Philosophin Judith Butler wären, die in diesem Jahr den Theodor-Adorno-Preis der Stadt Frankfurt erhalten soll. Butler ist berühmt für ihre komplizierten Sätze. Dafür hat sie sogar den ersten Preis im „Wettbewerb für schlechtes Schreiben“ erhalten, der von der Zeitschrift „Philosophy and Literature“ veranstaltet wird. Der in der Laudatio zitierte Satz Butlers geht so:

„The move from a structuralist account in which capital is understood to structure social relations in relatively homologous ways to a view of hegemony in which power relations are subject to repetition, convergence, and rearticulation brought the question of temporality into the thinking of structure, and marked a shift from a form of Althusserian theory that takes structural totalities as theoretical objects to one in which the insights into the contingent possibility of structure inaugurate a renewed conception of hegemony as bound up with the contingent sites and strategies of the rearticulation of power.“

Auf Deutsch: Ganz so leicht, wie sich die Marxisten die Welt erklären, ist sie nicht.

Das Buch ist auf den Punkt geschrieben. Neben den angesprochenen Inhalten geht es u. a. um Geschlechterunterschiede im Phänotyp (Erscheinungsbild) und im kulturellen Bereich (Musik, Literatur). Soziale Themen wie Homoehe, Leihmutterschaft, Intersexualität werden ebenso angesprochen. Diese Dinge werden konzentriert, spannend und auf den Punkt behandelt.

Unterhaltsam ist der Satz

Es gibt keine schwulen Käfer.

Dieser fällt in Zusammenhang mit der Behauptung, es gäbe eine nachweisbare Homoerotik im Tierreich. Die beobachtete Homoerotik ist insgesamt ein Vorkommen, das entweder nicht im natürlichen Umfeld vorkommt oder eine extreme Ausnahmeerscheinung darstellt. Homoerotik ist dementsprechend eher eine menschliche Erscheinungsform von erotischen Handlungen. Kutschera stellt diese Tatsache aufgrund empirischer Belege ohne weitere Wertung fest. An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf das o. g. Zitat hinweisen.

Die Feststellung, dass Männer und Frauen sich genetisch in etwa soweit voneinander unterscheiden, wie der Schimpanse vom Menschen, wird für Weiteres Aufsehen sorgen. Dieses Aufsehen beruht allerdings auf dem eigenen Sexismus, wenn man das eine Geschlecht näher dem Affen zuordnet als das andere. Eben dies tut Professor Kutschera eben nicht. Er weißt lediglich daraufhin, dass es bereits genetische Unterschiede der Geschlechter gibt, die die These der sozialen Konstruktion entkräften.

Weitere Protagonisten des Buches:

  • die „Biologin“ und Feministin Ah-King aus Schweden
  • Wallace
  • eine Antje Lann H.
  • und viele weitere.

Ich habe das Buch als konzentrierte Vermittlung von Wissen aus der Biologie und auch der feingeistigen, kulturellen Seite des Menschens gelesen. Kutschera gewährt in seinem Buch einen umfassenden Blick auf die Gesellschaft mit ihren biologischen, sozialen und künstlerischen Aspekten. Dieser Blick war für mich lehrreich und spannend.

Das Buch ist ein Lesetipp für alle, die sich objektiv mit der Thematik beschäftigen möchten. Wer Fakten als Argumente akzeptiert, sollte sich dieses Buch zulegen.

 


 

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Wolf Jacobs

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