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Die Gesellschaftliche Mitte – Mythos und Missverständnis

Die Gesellschaftliche Mitte
Mythos und Missverständnis einer ideologiefreien Zone
Entideologisierung als Ideologie zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik

von Michael Mansion

Der im Folgenden angewandte Begriff von Ideologie bedarf vorab des Hinweises auf seinen Ursprung im Griechischen als einer Ideensammlung und Ideenlehre ohne eine darauf (zugleich) bezogene Wertung.
Dagegen ist der Ideologiebegriff heute wesentlich negativ besetzt in der Unterstellung der/einer ideologisierten Unbeweglichkeit.

Auch Marx hat sich damit auseinander gesetzt im Bewusstsein einer theoretischen Bestimmung der materiellen Reproduktion der bürgerlichen Gesellschaft als erkenntnistheoretischer Reflexion mit unterschiedlichem Ausgang auch hin zum „Falschen“ (Klassen-Bewusstsein), jedoch immer ganz wesentlich in Bewegung befindlich.

Georg Lukács macht die überbordende Ideologie eines „Falschen“ ausfindig, in der sich das Individuum mit einer seinerseits angepassten Ideologie (Ideologie der Ideologie) einrichtet.

Es wäre naheliegend, ein sich in der gesellschaftlichen Mitte verortendes Politikverständnis dem Liberalismus zu überantworten. Das setzt allerdings voraus, dass es akzeptable Geographien sowohl für das Phänomen einer Mitte, als auch für den Liberalismus dergestalt geben muss, ihn, also den Liberalismus historisch und vor allem auch aktuell darstellbar zu machen.

Das ist nicht zuletzt auch ein sprachbegriffliches Problem einer „In Wert Setzung“ mit positiver oder negativer Grundierung.

Als Beispiel sei hierfür der Begriff des Neoliberalismus bemüht, der synonym (wenngleich unscharf) sowohl für „freie“ Marktwirtschaft, als auch für ökonomischen Imperialismus stehen kann.

Die etwa in Deutschland verbliebene, fast unter Naturschutz zu stellende Liberale Partei, ist derweil eines der letzten Refugien einer postulierten Klassenlosigkeit der ökonomischen Verhältnisse, in nachgerade religiöser Hoffnung auf selbst-regulative Markt-Erlösung.

Insoweit ist diese auch nicht liberal im Sinne eines bürgerlich reformierten Herrschaftsverständnisses, sondern einfach nur marktgläubig.

Es stellt sich auch die Frage, inwieweit sich ein als Mitte definierendes gesellschaftliches Sein überhaupt diesem Spannungsfeld ausgesetzt sieht oder viel mehr dem Habitus einer unpolitisch scheinenden Abwehrhaltung zuzuordnen ist.

Politik als „schmutziges Geschäft“, wo sich ein subjektiv übergeordneter Moralismus über die Niederungen des Politischen erhebt, sich selbst dabei als neutrales Subjekt wähnend, welches, gleichsam über den Dingen stehend, Beobachterposten bezieht.

Länger andauernde Abwesenheit sowohl privater, als auch politischer Krisen, Kriege und Inflationen, sind der traditionelle Nährboden solcher Komfortzonen.
Da hier sowohl von praktischer als auch faktischer politischer Abstinenz gesprochen werden kann, reflektiert diese auch eine der „Psyche des Politischen“ zuzuordnende Betrachtung des Problems einer gesellschaftlichen Mitte nur eindimensional.

Eine zweite, hier notwendige Betrachtung, steht eher für den politischen Liberalismus mit seinem emanzipatorischen Ausgangspunkt im 19. Jahrhundert, als einer Bewegung gegen eine monarchistisch tradierte, autoritäre Politik und eine Ablösung durch ein liberales Bürgertum.

Carl Schmitt unterstellt der liberalen Bewegung (und damit dem liberalen Bürgertum) schon früh eine von ihm als Metaphysik gesehene Haltung, welche, endlos debattierend und im Grunde inkonsequent, sich als unfähig zu jeder moralisch anspruchsvollen Haltung erweist.

Insoweit entzieht sich der Liberalsimus im Sinne des Schmittschen Staatsverständnisses, welches auf der politischen Freund/Feind-Konfiguration als einer Einheit, die einer anderen Einheit (unversöhnlich) gegenüber steht fußt, jeder staatsbürgerlichen Verantwortung.

Mehr noch sieht er (Schmitt) im Liberalismus eine Tendenz zur Entpolitisierung und Neutralisierung vor allem in der Okkupation der Ethik durch die (herrschende) Ökonomie als einer akzeptierten Polarität, die einen ökonomisch fundierten Imperialismus (auch als Neoliberalismus/d. Verf.) sich ausbreiten lässt.

Schlussendlich folgert Günter Maschke, dass dies der wesentliche Urgrund und die Einheit von Schmitts Antiliberalismus sei.

Folgt man dieser Denkweise in Richtung der aktuellen Gesellschaftsformation, in der noch die klassische Einfriedung der politischen Denkrichtungen im Rechts/Links-Schema erfolgt, so wäre zu klären, in wie weit diese imstande sind, Meinungsbildung und Äußerung angemessen zu beschreiben.

Es muss verwundern, wenn das laute Nachdenken einer regierungsnahen Partei und der deutschen Pseudo-Linken über Probleme einer möglichen Entstaatlichung durch (wie von einigen gefordert) permanent offene Grenzen, einen nachgerade humanitaristischen Reflex hervorruft, der dabei zugleich die Einwanderung Hunderttausender Antisemiten als Gewinn für die Gesellschaft stilisiert.

Zugleich wiegt sich das bürgerlich-konservative Lager in der gefährlichen Vision eines durch nichts zu erschütternden demokratischen Sozialstaates in Zeiten eines höchst desolaten Zustandes der Europäischen Union insgesamt und einzelner ihrer (hilfsbedürftigen) Mitglieder im Besonderen.

Wir erleben eine seltsame Kongruenz dereinst sehr unterschiedlich formierter politischer Lager, was jedoch nur vordergründig kollektiver Vernunft geschuldet ist.

Auf der Suche nach dem „richtigen Weltbild“ öffnet das diffuse Rechts-Links-Konstrukt durch inkriminierende Diskursverweigerung (die zentralen Brennpunkte betreffend) Tür und Tor für einen Nebenkriegsschauplatz, dessen Akteure sich der Defizite annehmen, um dafür medial in einer Weise abgestraft zu werden (Populismusvorwurf), welcher für ein freies Pressewesen bedenkliche Züge angenommen hat. Hier handelt es sich um eine gezielte Verunglimpfung und Marginalisierung jeglichen Denkens, das sich einem eingeforderten Mainstream-Konsens widersetzt.

Das vor diesem Hintergrund entstehende und sich weiter ausbreitende politische Unwohlsein, welches sich sicher ist, keiner der sich unklar und wenig überzeugend darstellenden Gruppierungen angehören zu wollen, läuft Gefahr, von der politischen Mitte assimiliert und damit neutralisiert zu werden.

Der Vorgang selbst, bzw. seine Mechanik, ist eine zugleich als sog. Gefahrenabwehr proklamierte Entideologisierung des politischen Raumes, die ihre „Berechtigung“ aus einem daraus abgeleiteten, angeblich ideologiefreien Weltbild, als einem einzig (noch) möglichen bezieht.

Im Sinne seines dialektischen Umkehrschlusses ist dieses Missverständnis von Ideologie und (eingeforderter) ideologiefreier Wahrnehmung seinerseits eine Ideologie, welche sich allenfalls davon befreit hat, noch irgendwelche Alternativen zu sehen, damit den Status Quo rechtfertigt und zur einzig möglichen Bürgerhaltung stilisiert.

Der Mythos ideologiefreier Zonen ist erst in jüngerer Zeit als Abwehrreflex gegen den Faschismus und die fehl geschlagenen Versuche im Bereich der sog. realsozialistischen Formierungen entstanden und steht für „Erlösungen in Zwischenwelten“.

Möglicherweise werden dabei auch esotherisch-religiöse Strömungen der eher exotischen Art bedient.
Was sich da als gesellschaftliche Mitte glaubt begreifen zu wollen, ist in mehrfacher Hinsicht einem Missverständnis aufgesessen.

„Es sind soziale Konstruktionen, die auch unter den Bedingungen sozialpraktischer Bornierungen, sowie den herrschenden Verhältnisse zustande kommen und in dieser Hinsicht dechiffriert werden können“ (H. Müller/Konzept Praxis).

Dabei nehmen sie selbstverständlich auch ideologische Form im Sinne ihrer Nicht-Wert-Freiheit an.

Pierre Bourdieu sprach von einer anhaltenden konservativen Revolution, für welche er die Ideenmacht und den Mythos des Neoliberalismus und (als Folge) dessen „Globalisierung einer grenzenlosen Ausbeutung“ verantwortlich macht, deren Strukturen objektiv auf die der sozialen Welt abgestimmt scheinen (= Realpolitik/d. Verf.).

Für Bourdieu ist das zugleich „jenes Verhältnis der doxischen Unterwerfung, das uns mit allen Fasern des Unbewussten an die bestehende Ordnung bindet“.
Zumindest der sich liberal definierende (noch) politische Teil der Mitte müsste hier erschrecken, wobei eher zu vermuten ist, dass die anti-ideologische Ideologie beratungsresistent ist.

Sie pendelt zwischen Verantwortungs- und Gesinnungsethik, eher zugunsten der Letzteren und weiß sich auf der Seite der Gewinner, weil (klassenbedingt) Eigenbeschädigung auszuschließen ist und das „Gute Wort“ seinen Weg in die Unendlichkeit auf jeden Fall und zur Not auf Facebook antreten wird.

Dieser gesellschaftlichen Mitte ist mit der verlogenen Attitüde einer in gewissem Sinne übergreifenden Sicht der Dinge ein bemerkenswerter Coup gelungen, wo selbst dereinst linke, antikapitalistische Refugien unter Dampf gesetzt und damit vernebelt werden konnten.

Mag das auch einem bedauerlichen Theorie-Defizit geschuldet sein, so ist der meist unwidersprochene Gestus, mit dem die „Mitte“ die öffentliche Meinung zu hijacken sucht und jeder klaren Zuweisung entzieht, zugleich ein wesentlicher Aspekt einer als Politik-Müdigkeit getarnten Entpolitisierung des öffentlichen Raumes.

Dabei ist sie in ihrer plakativen Ideologieflucht von sich selbst entfremdet, tendenziell unbeweglich und ihrem Wesen nach eine Ideologie des Nichts.

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