Morrissey- Faktum Magazin
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Morrissey – Kontroverser denn je

Morrissey – Kontroverser denn je

Nach einem Artikel im Spiegel hat sich der Popmusiker (Sänger von The Smiths) dazu untschlossen, nicht mehr mit der Presse zu reden. Für eine Person macht er eine Ausnahme. Das Interview ist auf seiner eigenen Webseite zu finden.

Morrissey macht sich zum Inbegriff des Kontroversen

Für eins ist das Interview auf seiner Seite zumindest gut: Es eignet sich hervorragend für Kopfgymnastik. Den durchschnittlichen Headbanger wird es langweilen, den Durchschnittsmenschen nimmt der Wechsel von heftigem Kopfnicken und -schütteln stark in Anspruch.

Mein Tschaka-Wir-schaffen-das-Coach hat mir eingetrichtet, immer das Gute zuerst zu sehen. Daher fangen wir mit den nachvollziehbaren Aussagen an.
(Original im Link, von uns übersetzt.)

Das Positive zuerst

Auf die Frage, warum er ausgerechnet mit dem Interviewer spricht und nicht mehr mit der Presse allgemein, entgegnet er mit einer nachvollziehbaren Kritik an der heutigen politisch-korrekt Presse.

(…) Es hat einfach keinen Sinn. Sie drucken nicht, was du sagst. Sie drucken aber, was Du nicht gesagt hast. Es hat keinen Sinn, dass ich da bin! Die Funktion der Berichterstattung ist verschwunden. Jetzt sind alle Journalisten Megastars und das einzige Ziel ihres Interviews ist es, ihre eigenen persönlichen Ansichten auszudrücken und zu etablieren, und zur Hölle mit dem, was der Befragte sagt. (…)

Man muss nicht näher darauf eingehen. Die Wahrnehmung vieler nicht-linker Nonkonformisten in Deutschland ist keine andere. Hier findet das zustimmende Headbangen seinen Anfang.

Morrissey ist schon lange ein gebranntes Kind. Noch kürzlich wurde er durch das Musikmagazin Spin als Faschist bezeichnet. Die Nazikeule als Faschistenkeule diesmal im englischsprachigen Raum.

(…) Der “Queen Is Dead”-Sänger nutzte kürzlich seine neue Plattform, um einen Wutanfall auszulösen, nachdem der unabhängige Schriftsteller Nick Hasted einen Essay über die Erfahrung veröffentlichte, die den meisten Morrissey-Fans gemeinsam ist: den Künstler, den sie ursprünglich liebten, mit dem bitteren alten Faschisten zu versöhnen, der er geworden ist. (…)

Morrissey Launches Site to Host His Own Terrible Opinions

Offensichtlich weiß der Musiker, wovon er spricht. Als bitterer alter Faschist bezeichnet zu werden, ist mit starkem Geschütz beleidigend. In Deutschland findet man solche Dinge z. B. bei schreienden Politikern der Grünen, die gerne einmal Mitglieder einer anderen Partei als Nazis beschimpfen. Man muss allerdings bedenken: Morrissey ist kein Politiker! Als Künstler gelten für ihn andere Maßstäbe als für einen Politiker.

Morrissey lässt sich hier auf einen Kampf gegen Windmühlen ein.

Ich bin gespannt, wie sie sich vor Gericht erklären. Es ist unglücklich, jede Veröffentlichung vor Gericht zu bringen, aber manchmal muss man es tun, und das ist eine dieser Zeiten, weil es sonst der Presse gelingen kann, eine hässliche Sichtweise zu diktieren, von der sie voll und ganz wissen, dass sie einen in Gefahr bringen kann.

Selbst wenn man eine Gegendarstellung und/oder Schmerzensgeld erstreitet: Die heutige Journalist wird sich nicht von seinem Kurs abbringen lassen. Er will doch erziehen! Es geht um die Gleichschaltung der Meinungen! Allerdings gilt hier erneut die vielzitierte Aussage Bertolt Brechts: Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren.

Ach, Du Schreck! Er ist für den Brexit!

Der politisch unkorrekte Musiker ist zudem noch für den Brexit, was ihn zu einem ganz schlimmen Zeitgenossen für die Presse macht.

(…)
John: Sie wurden beschuldigt, Brexit von der Presse unterstützt zu haben. Warum sind sie so besorgt, glaubst du?

MORRISSEY:Beschuldigt” ist das richtige Wort! Man kann nicht beglückwünscht werden. für die Unterstützung von Brexit, oder? Das sollte Ihnen alles sagen, was Sie wissen müssen. die fehlende Neutralität in der britischen Presse. Es ist alles ein sinnloses Argument, weil, wie Sie sicher bemerkt haben, der Brexit nicht passieren wird.

(…)

Hier allerdings wird es auch befremdlich. Er ergeht sich in Äußerungen, dass der Brexit nicht stattfinden wird. An dieser Stelle ist man dazu geneigt aus dem Nicken des Kopfes ein Schütteln werden zu lassen.

Zwischendurch geht es auch um Musik

Zwischendurch geht es allerdings auch um seine Musik, um die Smiths, seine Gedanken in den 90ern mit der Musik aufzuhören, um seine Hits usw. Man landet allerdings schnell wieder bei der Politk: Man wirft ihm Rassismus vor. Sein letztes Album hat er Dick Gregory, einem schwarzen Künstler/Komiker, gewidmet, der sich für Menschenrechte – hier speziell die Rechte schwarzer US-Bürger – eingesetzt hat. Das hilft aber nicht: Die Nazikeule liegt bereits in den Händen der Presse.

Morrissey stellt Dinge fest, die kontrovers aufgenommen werden müssen.

(…) Und was den Rassismus angeht: Die moderne verrückte Linke scheint zu vergessen, dass Hitler der linke Flügel war! Aber natürlich werden wir jetzt alle als Rassisten bezeichnet, und das Wort ist eigentlich bedeutungslos. Es ist nur eine Möglichkeit, das Thema zu wechseln. (…)

Es ist interessant. Kürzlich habe ich eine Rede Adolf Hitlers gehört. Er sprach über den Kapitalismus. Es war zunächst überraschend wie weit links diese Rede war. Sie war ein Lehrstück in Sachen linker Politik. Die Parallelen zwischen der DDR und dem dritten Reich sind ebenfalls nicht von der Hand zu weisen. Ist der ganze Antinaziwahn nur einem unbewussten schlechten Gewissen wegen der eigenen linken Vergangenheit geschuldet?

Wahr aber ist: Mit dem Nazivorwurf wechselt man recht einfach und schnell jedes Thema. Man lenkt den Fokus auf das krankhafte Lieblingsthema der Linken. Allerdings hat man seine Vorwurfspalette mittlerweile erweitert: Zur Nazikeule hat sich die Sexismuskeule gesellt.

Seinen “Rassismus” kann man in diesem Video bewundern
Morrissey – Jacky’s Only Happy When She’s Up on the Stage

Tierrechte und die vegane Ernährung sind sein eigentliches Thema

Dieses Thema wird gerne kontrovers aufgenommen und ideologisch diskutiert. Beide Seiten – der Veganer und der “Fleischfresser” – gehen das Thema oft völlig unentspannt an. Während der Veganer den Nicht-Veganer als Mörder beschimpft, gilt die andere Seite als völlig ökomäßig verblendet. Ich selbst habe 8 Jahre vegan gelebt und bin seit kurzer Zeit nicht mehr vegan. Wenn es meine Lebensumstände erlauben, werde ich aus vielen Gründen wieder vegan leben.

Der durchschnittliche Veganer ist allerdings sehr anstrengend. Er hat immer diverse Keulen griffbereit. Als mir Veganer erzählen wollten, dass ich als Veganer ja nur die Wahl zwischen zwei Parteien des links-grünen Spektrums hätte, wurde mein Bedürfnis, mich von Veganern zu distanzieren unendlich groß. Egal. Es geht hier nicht um mich  und meine Erfahrungen.

Morrissey bekommt beim Thema Tierrechte einen gehörigen Energieschub. Er kritisiert halale und koschere Ernährung. Er kritisiert die halale Art der Schlachtung von Tieren.

(…) Ähnlich wie beim koscheren Fleisch im Judentum dürfen im Islam nur Tiere gegessen werden, die für den Konsum zulässig sind, regelgerecht geschlachtet wurden und nicht bereits verendet waren. Die Tiere werden – anders als nach mitteleuropäischen Standards – in Schlachthöfen dabei ohne Betäubung mit einem speziellen Messer mit einem einzigen großen Schnitt quer durch die Halsunterseite getötet, in dessen Folge die großen Blutgefäße sowie Luft- und Speiseröhre durchtrennt werden. Mit dem Schächten soll das möglichst rückstandslose Ausbluten des Tieres gewährleistet werden. (…)

So richtig appetitlich ist das nicht. Die Bilder dazu im Interview auf seiner Seite ebenfalls nicht. Schwache Gemüter sollten sich den Anblick ersparen. Das Thema ist halt mit Blut verbunden. Da macht man nichts. Die Wahrheit allerdings dürfte viele zu einem weiteren Kopfschütteln verleiten.

Ein Spiegel-Interview als Beispiel für die Welt der Presse

Der Interviewer kommt auf ein Spiegel-Interview zu sprechen. Hier haben die Macher ihre poliltisch korrekte Schiene verfolgt. Der Artikel zum Gespräch beginnt als Anklageschrift:

Morrissey lobpreist das Brexit-Referendum, verteidigt Kevin Spacey und Harvey Weinstein und bezeichnet Berlin als “Vergewaltigungshauptstadt” – wegen der offenen Grenzen. Im Ernst?

Hier ist das oben angesprochene “Brexit-Motiv“. Wer für den Brexit ist, hat schon verloren. Berlin als Vergewaltigungshauptstadt? “Es kann doch nicht sein, was nicht sein darf!”

Leider ist das Interview hinter einer Paywall. Der Anfang zeigt allerdings, wohin es geht.

Ob der Brite Steven Patrick Morrissey, 58, der sich als Musiker nur Morrissey nennt, nun Genius ist oder Schrat, Selbstdarsteller oder cholerischer Poet, wird sich wohl nie endgültig klären lassen. Ganz sicher ist der Mann aus Manchester, der in den Achtzigerjahren als Sänger der Popband The Smiths berühmt wurde, ein großer Exzentriker des Pop. Ob Konzert oder Interview, er pflegt die Pose der Diva. Das Treffen fand anlässlich seines neuen Albums “Low in High School” in Los Angeles statt; es wurde sehr kurzfristig anberaumt und dann mehrfach verschoben, Herrschaftsgesten wollen gepflegt sein. Schließlich ist Morrissey doch bereit zu sprechen. Der Fotograf allerdings wird von einem seiner Manager rüde des Raums verwiesen: “Get out of my hotel!” Das Polaroidfoto machte die Interviewerin.

Das Interview hat der Spiegel später als Audiofile online gestellt, nachdem der Artikel als Musterbeispiel für politische Korrektheit einiges an Wirbel verursacht hat. Das Tondikument offenbart etwas anderes “Schlimmes“: Den deutschen Akzent der Fragestellerin und die “Politisierung der Musik”. Es gibt offenbar kaum ein wichtigeres Thema als Trump.

 

Morrissey im Interview als Audio (mp3)

Der Spiegel nennt einige wichtige Passagen des Interviews. Ich möchte diese “wichtigen Passagen” ergänzen.

Spiegel:

Ergänzt:

Nachrichten als Social Engineering
ab 6.30 Minute.
(eigentlich 06:15 Min.)
Trump
ab 06:45Sie sagt nicht wie im Artikel:

Das klingt nach Trumps Fake News, aber Sie haben sich gerade bei einem Konzert gegen Trump ausgesprochen.

“A moral question”
ab 08:55 Min.

“Wenn es einen Knopf gäbe, Trump zu töten…”

Frage und Antwort sind moralisch zu hinterfragen. Morrissey würde es für das Wohl der Menschheit tun. Diese Antwort kann man durchaus kontrovers diskutieren. Ich halte sie für verwerflich.

Seine Antwort ist allerdings für einen Veganer typisch: Tiere darf man nicht töten, bei Menschen macht man da schon einmal eine Ausnahme.

Brexit
ab 10:35 Min.Hier sagt er, dass er den Brexit als Zeichen für eine doch noch funktionierende Demokratie sieht. “Proud on England for ignoring the BBC” (gegen Brexit)
Tel-Aviv/Israel
Menschen nicht nach ihrer Regierung beurteilen
ca. 13:20 Min.
Animal Rights, Holocaust
ab 17.10 Minute.
An dieser Stelle wird es deutlich: Jemanden wir Trump darf man töten, Tiere allerdings nicht.
#meToo, Kevin Spacey
ab 24.23 Minute.
Berlin als Hauptstadt der Vergewaltigung
ab 38.42 Minute.

Im Interview wirkt die Fragestellerin freundlich und dem Musiker positiv gesonnen. Die Doppelzüngigkeit des Journalismus wird deutlich. Es ist erstaunlich, wie nach einem solchen Gespräch ein derartig gefärbter Artikel herauskommen konnte. In den Anfangstagen von Faktum durften wir ähnliches ebenfalls erfahren.

Was macht man bloß mit Morrissey?

Morrissey ist sehr oft streitbar, das zeichnet ihn als Individuum aus. An manchen Stellen mag man applaudieren und an manchen Stellen möchte man Buh rufen. Morrissey ist Musiker. Er ist kein Politiker. Zum Glück: Seine Ansichten sind an vielen Stellen zu streitbar.

Er wird aber für Diskussionen über das ein oder andere Thema bestimmt zu haben sein. Würden die Medien es zulassen, wären interessante (Streit-)Gespräche mit dem Musiker möglich. Dem steht allerdings die politische Korrektheit entgegen.

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Hier geht es auch um die Streitbarkeit des Musikers. Dort wirft man gekonnt einen Blick auf seine Vergangenheit.

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Musikalisch ist er zumindest ganz weit vorne.

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