Religion

Reformation des Islams – eine Betrachtung

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Ein Artikel hat mir den Anlass gegeben ebenfalls etwas zum Thema „Reformation des Islams“ zu schreiben.

Der Islam braucht Reformation, dann verliert der IS auf ganzer Linie

Er schreibt über die Notwendigkeit der „Reformation“ dieser Religion und greift den Gedanken der Gruppierung alrahman.de auf, die da der Meinung ist, dass ohne Sunna und Hadith eine Reformation möglich sei:

Diese Menschen wollen, dass nur noch der Koran allein die authentische Quelle des Glaubens ist

Ich aber halte auch „den Koran für sich allein“ nicht für eine Quelle, die eine Reformation das Islams ermöglicht.

Der Koran im islamischen Selbstverständnis gilt als Gottes Wort im ureigensten Sinn. Also als direkte und unverfälschte Offenbarung, als direkte Rede Gottes an die Menschen. Dies führt dazu, dass der Koran im muslimischen Selbstverständnis nicht interpretiert werden darf. Weil Gottes Wort doch unfehlbar sein muss, also keiner Interpretation bedarf.
Beispiel: Im Koran gibt es die Todesstrafe, folglich darf die Todesstrafe nicht durch weltliche Instanzen abgeschafft werden. Punkt. Aus. Fertig. Keine Diskussion.

Die Christen mit ihrem Alten und ihrem Neuen Testament hatten es mit der Luther’schen Reformation etwas einfacher: Denn alle Bibelüberlieferungen liefen bis zu Luthers Zeiten diverse sprachliche Übersetzungsstufen durch. Hebräisch, Aramäisch, Griechisch, Lateinisch. Und in jeder Sprache gab es Elemente, die nicht Eins-zu-eins übersetzbar waren. Folglich gab es sinngemässe Übersetzungen – und damit bereits Interpretationen.

Im der Tradition der christlichen Religionen gab es nie die Vorstellung, dass irgendwelche Offenbarungs-Elemente untrennbar an die Sprache an sich gekoppelt waren.

Mit der Freiheit, Bibelstellen übersetzen zu dürfen, gab es automatisch die Freiheit zur Interpretation. Ein gewaltiger Unterschied.

moscheeDer Koran dagegen mit seiner arabischen Sprache – einer Sprache also, die aktuell von Marokko bis in den Irak, von Aleppo bis in den Sudan, eine gelebte und alltägliche Sprache ist – braucht in diesem Territorium keine Übersetzung. Die Menschen dort verstehen ihn „im Original“. Diese Kopplung von religiöser Offenbarung an die Alltagssprache hat übrigens auch dazu geführt, dass die arabische Sprache kaum Änderungen durchlaufen hat. Also nicht wie beispielsweise dass Deutsche vom Mittelalter bis jetzt.

Dies führt auch dazu, dass der Koran und seine Inhalte umso strenger gehandhabt wird, je „arabischer“ das jeweilige Land ist. Als Beispiel führe ich dazu Indonesien an. Je nach Quelle und Zählweise das bevölkerungsreichste muslimische Land. Aber mit einem durchwegs „moderat“ gelebten Islam. Den Menschen in Indonesien ist die arabische Sprache eine Fremdsprache; nur die wenigsten haben die Möglichkeit, arabisch zu lernen und damit die Originalquelle zu studieren. Für den grössten Teil der Bevölkerung braucht es also eine Übersetzung und damit automatisch eine Interpretation.

Damit steckt – meiner Überzeugung nach – die Mehrheit der Muslime in einem echten Dilemma: Die Handlungsanweisungen im Koran sind nicht veränderbar, weil sie – so wie sie dort drin stehen – direkt vom Herrgott kommen. Und so ein Gott ist nun mal allwissend und unfehlbar. Der wird also schon gewusst haben, wieso er dieses oder jenes genau so und nicht anders formuliert hatte. Und der wird auch gewusst haben, wieso diese Formulierungen auch im Jahr 2015 immer noch so richtig sind…

Ein echter Fortschritt dagegen im Christentum war dieser eine Satz: „Er aber sprach zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ Trennung von Staat und Glauben – und das vom Religionsstifter selbst so formuliert. (Und dieser Religionsstifter hat ja bereits kein Hebräisch mehr als Alltagssprache gesprochen – sondern Aramäisch.)

Okay, mir sagte mal ein Muslim: „Ihr habt ja auch 15 Jahrhunderte gebraucht von Jesus bis Luther. Wir haben nun 13 Jahrhunderte seit Mohammed hinter uns. Lasst uns noch ein wenig Zeit.“ Könnte man fast so gelten lassen. Aber nur fast. Denn von Jesus bis Luther gab’s die „Sprünge“: Aramäisch – Griechisch – Latein. Sodass der Sprung von Latein auf Deutsch eigentlich nur noch ein Katzensprung war…

Nein, ich halte die Kopplung von „koranischer“ Offenbarung an die arabische Sprache für die nicht überwindbare Blockierung einer Reformation.

So sehr ich den Jungs und Mädels islamischen Glaubens die Möglichkeit einer Reformation auch wünsche.

PS und für’s Protokoll:
Und ausserdem ist für mich klar, dass eine Reformation, so es sie doch geben könnte, aus der Gemeinschaft der Muslime heraus entstehen muss – Nicht-Muslime haben den Muslimen nicht in ihren Glauben herein zu reden.

PPS und fürs Protokoll:
Und wenn ich „Islam“ schreibe, meine ich Islam und nicht die Muslime. Und wenn ich „Muslime“ schreibe, meine ich Muslime und nicht den Islam. Genau so, wie ich keinen, der sich Christ nennt, auf die Bibel reduziere und genauso, wie ich die Bibel nicht an dem festmache, was Christen heutzutage so leben…

PPS zum Arabischen an sich:
Diffizil und richtig tricky wird es aber auch, wenn man über hypothetische Dinge diskutieren will (Auslegung uralter und zugleich religiöser Texte; „Was wäre, wenn … es doch alles ganz anders wäre“), aber die Grammatik da ihre Tücken hat…

Wer mag, schaut mal in Irrealität im Deutschen und Arabischen – Eine kontrastive Untersuchung“ von Olaf Moritz rein!

Daraus nur kurz zitiert:

Bei klassischen arabischen Grammatikern wie z.B. Sibawaih findet Irrealität keine grosse Beachtung. Der Grund ist, dass reale und irreale Konditionalsätze sich voneinander und von anderen Arten von Nebensatzgefügen, wie dargestellt, nicht morphologisch (durch die Formen der verwendeten sprachlichen Mittel) oder syntaktisch (durch Abhängigkeits- oder Reihenfolgebeziehungen der verwendeten sprachlichen Mittel) unterscheiden: Die Differenzierung realer und irrealer Konditionalsätze untereinander und etwa von temporalen oder kausalen Nebensätzen wird allein durch die nebensatzeinleitende Subjunktion geleistet…

(Seite 139 ff)

…erklärt, warum das Thema in den Grammatiken so knapp behandelt wird: Irreale Konditionalsätze sind allein Ausfluss der Semantik der Subjunktion law, mit der sie eingeleitet und von anderen Arten von Nebensätzen differenziert werden. Ihre Behandlung gehört damit in den Bereich der Semantik und des Lexikons, Irrealität ist keine morphologische (grammatische) Kategorie (etwa des Verbs, wie sie das im Deutschen ist) sondern semantisches Merkmal der den Konditionalsatz einleitenden Subjunktion „law“.

(Seite 141)

Da hatten es die christlichen Gelehrten, egal, ob Augustinus, Thomas von Aquin oder Meister Eckhart doch auch einfacher.

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