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Bernhard Lassahn: Das Drama der Väter und ihr Glück

Die neue Seite von man-tau

Lieber Lucas

– ich bin begeistert. Schon von der Anmutung, die mich natürlich sofort an ‚Revolver’ erinnert (das vermutlich beste Album der Beatles – ich hatte mal angefangen, einen Roman zu schreiben, der ‚Revolver’ heißen sollte …)

beatles-revolver

Ich habe auch selber nach einem umfassenden (um nicht zu sagen inkludierenden – hi, hi, hi…) Bild oder Begriff gesucht und bin immer noch auf der Suche, da eine bloße Gegnerschaft eben nicht ausreicht und gerade das vernachlässigt, was am Ende deiner Ausführungen aufscheint: die Möglichkeit des Glücks.

„Lieber würde ich auf das Wahlrecht verzichten als auf das Recht, mein Kind zu sehen“ – das ist einer der strahlenden Kernsätze. Was soll man denn wählen? Reden wir über die großen Themen, die wichtigen Dinge des Lebens (und nicht nur um die Begriffsverwirrung um „Rechte“):
Glück, Liebe, Kinder, Zukunft.

Übrigens mochte ich auch das Zitat von John Dewey

Education is not preparation for life. Education is life itself.

– immer gerne (habe selber eine pädagogische Vergangenheit). Jedenfalls habe ich selber lange an meinem Projekt ‚Frau ohne Welt’ herumüberlegt. Denn das „ohne“ lässt einen tatsächlich etwas unbefriedigt zurück. Es bleibt auch hier die Frage, wie denn eine bessere Welt aussehen sollte.

cutleryIch hatte dann solche Ideen wie „der, die, das“, „Messer, Gabel, Löffel“ (finde ich gar nicht sooo schlecht). Und um zu sagen, was ich denn will, habe ich „Geschlechterfrieden“, was, wenn es an Greenpeace erinnern darf, „Sexpeace“ heißen würde. Das ist nicht weit von der Hippie-Parole „make love not war“ entfernt, wenn man anerkennt, dass wir es tatsächlich mit einem Krieg im Privaten zu tun haben.

Aber: das entsprechende Kapitel auf meiner Seite ist eher fragmentarisch geblieben, und so richtig zur Brust nehmen werde ich mir das Thema im dritten Teil der geplanten Trilogie. Ohne die Hilfe von Wolle wäre ich sowieso aufgeschmissen, ich bin in dem Alter, in dem mich Möglichkeiten des Internets überfordern.

Im Alter sehe ich die Dinge allerdings auch etwas gelassener. Womöglich hat jede Zeit seinen Krieg. Jede Zeit seine Lebenslüge. Im Nachhinein lässt sich das leicht feststellen. Die Lebenslüge unserer Zeit lässt sich gut mit dem Wort „Feminismus“ zusammenfassen:
Es ist ein in sich geschlossenes Lügengebäude mit falschen Zahlen (sie sind fast immer falsch … sie können auch nicht mit großen Zahlen umgehen: 1000 Geschlechter, 2000 Studien, 3000 Jahre Frauenunterdrückung – oder 5 oder 10? Egal) und mit falschen Begriffen und defekter Grammatik.

Es sind keine Verlegenheitslügen, es ist Vorsatz, es ist Lust an der Zerstörung, sie erliegen der Faszination, die von dem Falschen ausgeht. Ich kann das nicht mehr entschuldigen (von wegen Gender Pay Gap, Gleichstellung, sexualisierte Gewalt, rape culture …) Was Nietzsche und Schopenhauer zum Thema „Frauen und Wahrheit“ gesagt haben, trifft zu. Sie leben in einer Parallelwelt.

Was man schon am Frauenfußball sieht. Die Deutschen waren also Weltmeister. In was für einer Welt? In einer Welt, in der Männer nicht gelten. In einer Welt ohne Männer. Auch die Weltfrauen, die zu Weltfrauenkonferenzen zusammenkamen, leben in einer Welt, in der Männer nicht vorkommen, sie werden „weg gedacht“ (meistens wird die Formulierung so gebraucht, dass man behauptet, etwas ließe sich nicht mehr „wegdenken“. Männer lassen sich offenbar wegdenken.)

So gesehen sind die Vernichtungsfantasien, die hier als „faschistisch“ bezeichnet werden (Solanas u.a.) und für die es in der Tag auf Männerseite keine Entsprechung gibt, nicht etwa ein Irrlicht einer ansonsten guten und richtigen Sache, sondern die Beschreibung des harten Kerns. Es ist ein Verdienst, dass du das zusammengestellt und mit dem Finger drauf gezeigt hast – und was nun?

Nun nähern wir uns den beiden Bruchstellen, an denen (wie ich vermute) wir beide zu knabbern haben. Warum handeln Frauen so? Warum sind die politischen Kräfte, an die wir einst geglaubt haben, so? Da mache ich mir jetzt erst einen Kaffee und unterbreche, weil ich versprochen habe, meine Texte nicht zu lang werden zu lassen.

Ich unterbreche also kurz, nicht ohne noch einmal zu betonen, dass ich gerade die Mischung zwischen dem Persönlichen und dem Politischen (unter Einbeziehung der Kultur) den besonderen Charme der man-tau-Seite ausmacht und da ein Ton getroffen wurde, den ich immer mochte, auch wenn ich nicht allem zustimmen konnte (was ja auch nicht nötig ist).

Ende der Pause.

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Zweiter Teil:

Lieber Lucas!

Nun komme ich auf die beiden Enttäuschungen zu sprechen, die du angesprochen hast: die politische und die persönliche. Damit bist du wahrlich nicht allein. Wie kann man damit umgehen?

Neben der persönlichen war das allerdings auch eine erhebliche politische Enttäuschung. Ich hatte gewusst, dass die Situation von Vätern in Deutschland schwierig ist – dass es aber  möglich ist, Menschen willkürlich von ihren Kindern und die Kinder von ihren Eltern zu trennen, nur weil diese Eltern die falsche Geschlechtszugehörigkeit haben: Das hätte ich nicht geglaubt, wenn ich es nicht erlebt hätte.

Noch größer war die Enttäuschung, weil ich mein ganzes Leben lang politisch links war. Gerade aber die Parteien, die sich diffus als „links“ verstehen, die SPD und die Grünen, unterstützen besonders verbissen eine Politik der Ausgrenzung von Vätern.

Fangen wir mit der politischen an. Die betrifft nicht nur die Parteien, die wir einst bevorzugt haben und von denen wir uns einst vertreten fühlten; es betrifft das gesamte Rechtssystem; es betrifft die real existierenden Zustände vor Gericht (von denen auch Norbert Blühm entsetzt war, als er über Bekannte damit vertraut wurde) – man glaubt es nicht, wenn man es nicht selbst erlebt: Das System ist defekt.

Das kann man erklären: Man kann sich klar machen, an welchen Stellen das Rechtssystem ausgehebelt wurde (das tut beispielsweise Friedenberger). Dann weiß man, wie es zu den Weichenstellungen gekommen ist. Doch das ist nicht alles. Darüber hinaus gibt es eine Menge von Durchführungsbestimmungen und Rechtsbeugungen in der alltäglichen Praxis, die wie ein Kometenschweif den Fehlern im System nachfolgten und nach und nach ein männer- und speziell väterfeindliches Klima geschaffen haben.

Das erste Problem, das sich daraus ergibt, sieht so aus: Man kann so etwas schlecht vermitteln, weil es sich die meisten gar nicht leisten können, das Rechtssystem anzuzweifeln. Dann würde ihre Welt zusammenbrechen. Sie können bestenfalls zugestehen, dass man vor Gericht Pech haben kann, aber einer Systemkritik können sie sich nicht anschließen, weil sie es nicht mit ihrem Weltbild vereinbaren können. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. An irgendeiner Stelle bei Peter Handke sagt jemand: „Ich kann es mir nicht leisten, das, was ich tue, für sinnlos zu halten.“

Mehr noch: Selbst wenn jemand einsieht, dass das Rechtssystem fragil und anfällig ist und außerdem zugesteht, dass es nicht völlig unabhängig von zeitgeistlichen Moden und politischen Konstellationen sein kann, bleibt immer noch die Frage, was es denn da für Kräfte gibt, die so emsig darauf hingewirkt haben, das Rechtssystem auszuhöhlen. Was waren das für Leute? Was trieb sie? Persönlicher Vorteil allein kann es nicht sein.

Damit kommen wir zu dem zweiten Problem und kommen zum zweiten Mal zu der unangenehmen Erkenntnis, dass nicht sein kann, was nicht sein darf: Wir haben es mit zerstörerischen Kräften zu tun, mit negativer Energie, mit passiver Aggression, mit einer Lust am Kaputtmachen und dem Drang, das allgemeine Unglück zu verbreitern und zu vergrößern. Hinter den Begriffen wie „dekonstruieren“, „überwinden“, „aufbrechen (etwa von „verkrusteten Strukturen“)“ blinzeln Zerstörungswut und Rachegelüste hervor.

Man sagt sprichwörtlich, man müsse die Eier zerschlagen, um ein Omelett zu bekommen: you have to break the eggs … oder so ähnlich. Okay. Die Eier werden schon seit Jahren zerschlagen – und wo bleibt das Omelett? Wo ist das Positive, das uns der Feminismus in den letzten 20 – oder sagen wir ruhig in den letzten 40 – Jahren gebracht hat? Ist es etwa der Erfolg, dass Frauen seit 1918 wählen dürfen? Ha! Ha! Ha!

Es gibt nichts Gutes. Es gibt lediglich eine Schadensbilanz. Zu den schlimmsten Negativposten gehört genau das, was oft übersehen, aber immer wieder bei ‚man-tau’ angesprochen wurde: die Ausgrenzung der Väter aus den Familien. Die Trennung von den Kindern. Der damit verbundene Glücks-Entzug. Der Entzug der Motivation für Männer, sich überhaupt noch für diese Gesellschaft, für dieses Leben noch in irgendeiner Weise anzustrengen.

Was kann man tun?

Ich hatte, nach der weitgehenden Trennung von unserem Kind, mehrere Jahre kaum über diese Trennung gesprochen: aus Scham über die eigene Hilflosigkeit, aber auch deshalb, weil die politischen Bedingungen, die ich erlebe, so verrückt sind, dass es mir schwer fiel, dafür Worte zu finden. Ich bin zwei Jahre mit dem Gedanken herumgegangen, der Justizministerin einen Brief zu schreiben, in dem hätte klar werden sollen, wie dringlich es ist, diese Bedingungen zu ändern – und ich habe im Kopf wieder und wieder daran formuliert.

Dass ich den Brief nie geschrieben habe, hat aus meiner heutigen Perspektive einen ganz einfachen Grund: Er wäre ohnehin völlig sinnlos gewesen. Dass die Zustände im deutschen Familienrecht verfassungs- und menschenrechtswidrig waren, hätten auch schon vor den einschlägigen  Gerichtsurteilen des Europäischen Gerichtshofs und des Verfassungsgerichts alle wissen müssen, die sich auch nur zwei, drei Minuten damit beschäftigten. Dass sich nichts änderte, lag natürlich nicht an fehlender Einsicht, sondern an fehlendem politischen Interesse.

Eben das ist so furchtbar. Warum fehlt es am politischen Interesse? Warum kann eine männer- und kinderfeindliche Politik sogar gegen die einschlägigen Gerichtsurteile des Europäischen Gerichtshofs und des Verfassungsgerichts bestehen?

So ein allmächtiger Gegner macht einen Vater hilflos. Ein hilfloser Vater hat keinen Wert in der Familie, er ist keine Orientierung für ein Kind, er ist sogar eine Bedrohung für die Frau und Mutter, die nach wie vor einen starken Partner wünscht und braucht.

Damit sind wir beim Privatleben. Warum sind Frauen so? Warum tun sie das? Hier können wir es uns noch weniger leisten, so etwas wie Boshaftigkeit auch nur in Erwägung zu ziehen. Schon eine einfache Gefühlskälte kommt als Erklärungsversuch nicht in die engere Wahl. Schließlich lieben wir Frauen. Um ihrer selbst Willen. Und weil sie Kinder ermöglichen, die wir ebenfalls lieben.

Die Kinder sind es dann auch, die eine Kritik an der Mutter verhindern. Das können wir ihnen nicht antun. Kinder, die bei der Mutter leben, müssen sich an die Mutter klammern, sie würden sonst ins Bodenlose stürzen. Es ist furchtbar: Wir wissen, dass Kinder unter der Trennung leiden werden und wir können nicht dagegen tun.

Wir schlagen jedem, der sich an unsere Kinder heranmacht, der ihnen schadet oder sie betrügen will, sofort auf die Finger. Der Mutter nicht. Hier liegt der Grund für das Gefälle. Der Grund dafür, dass es keine Auseinandersetzung auf Augenhöhe gibt.

Männer sind bereit, sich für Frauen aufzuopfern und ihnen alles an Liebesbeweisen anzubieten, was sie aufbringen können. Männer investieren ihren Überschuss an Arbeitskraft (um es geschäftsmäßig auszudrücken) in den Bedarf, den Frauen an Fürsorge und Förderung haben. Das ist der menschliche Deal. (siehe auch Fempokalypse) Er ist nicht einseitig. Als Gegenleistung für die Zuwendungen der Männer bringen Frauen Kinder auf die Welt. Der Bedarf und die Fürsorge rechtfertigen sich ja eben gerade dadurch, dass eine Frau in der Schwangerschaft und noch lange danach solche Zuwendungen braucht.

Diesen menschlichen Deal haben Feministen einseitig gekündigt. Zuwendungen ja. Privilegien ja. So viel wie möglich. Aber keine Kinder mehr. Die bereitwillig geleisteten Hilfestellungen der Männer werden für den erfolgreichen Aufstieg der Karriere- und Quotenfrau in eine kinderfreie Zukunft zweckentfremdet. Männer treten immer noch in Vorleistung. Frauen verbrauchen die Leistungen und erfüllen ihren Teil des Vertrages nicht. Wenn sie doch ihren Teil dazu beigetragen haben, dann ziehen sie ihn wieder zurück und behalten das Kind für sich.

Der Kindesentzug ist der harte Kern des Feminismus. Oh, pardon – das kann ich so nicht sagen: Wer mitgezählt hat, hat es vielleicht gemerkt: Das wäre schon der zweite harte Kern. Wie viele gibt es denn? Sagen wir so: Da gibt es ein Gehäuse mit mehreren Kernen.
Der erste Kern war der Vernichtungswille, von dem ich im ersten Teil gesprochen habe. Und auf den ich im nächsten Teil zurückkommen werde.

Erst mal Pause.

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Dritter und letzter Teil

Nun möchte ich doch ein wenig Lehrer spielen – ich hoffe, du wist es mir nachsehen. Wir sind ja unter uns.

Wer sich also gegen geschlechtsbedingte Menschenrechtsverletzungen wendet, kommt um Kritik an feministischen Positionen nicht herum.

Richtig. Wer aber versucht, solche Positionen zu kritisieren, wird schnell merken, wie gut sie verteidigt sind. Ihr großer Rettungsschirm ist sowohl das mangelnde öffentliche Interesse als auch das mangelnde private Interesse. Der Feminismus kommt einfach nicht aus den Schutzräumen und Enklaven, die er sich geschaffen hat, heraus.

Das bedeutet für mich keine grundsätzliche Verdammung des Feminismus.

Dazu fällt mir ein, dass Gerhard Amendt den gegenwärtigen Feminismus als „Verdammungs-Feminismus“ bezeichnet. Dem stimme ich zu. Wenn hier einer verdammt, dann ist es – verdammt noch mal – der Feminismus. Unter solchen Umständen ist natürlich edel zu sagen: von mir aus wird nicht zurückverdammt.

Macht nichts. Man könnte es genauso gut tun. Das Problem ist, dass der Feminismus verallgemeinert. Immer. Es ist der Geburtsfehler des Feminismus: die Trennung nach Geschlecht (Sex). Damit geht die Verallgemeinerung zwangsläufig einher. Frauen und Männer werden dann jeweils als homogene Gruppen gesehen. Anders ist Frauenpolitik gar nicht möglich.

Dieser Grundfehler führt dazu, dass jede noch so differenziert vorgebrachte Kritik automatisch als Frontalangriff gegen alle Frauen verstanden wird. Selbst wenn man als Absender nicht verdammt und nicht verallgemeinert, der Empfänger tut es. Er liest es so. Er denkt, dass alle so sind, wie er selber ist und dass alle nicht anders können, weil er selber nicht anders kann.

Positiv und human ist das Potenzial des Feminismus zum Beispiel dort, wo seine Vertreterinnen – und Vertreter –  zeigen, wie Menschenrechte aufgrund der Geschlechtszugehörigkeit von Menschen verletzt werden.

Echt? Tut er das? Wo denn? Ich habe verschärft den Eindruck, dass es der Feminismus eben gerade nicht tut. Aus gutem Grund tut er es nicht. Er müsste ja sonst mit dem Finger auf sich selbst zeigen. Denn der Feminismus – wie man an anderer Stelle bei dir lesen kann – verletzt Menschenrechte aufgrund von Geschlechtszugehörigkeit. Davon können alle ausgegrenzten Väter ein langes, trauriges Lied singen. Wo ist denn das Beispiel für positives und humanes Potenzial?

Inhuman wird er dort, wo seine Vertreterinnen und Vertreter behaupten, allein Frauen könnten Opfer solcher Verletzungen werden.

Da fallen mir sofort Beispiele ein. Mir fällt noch etwas auf. Mir fällt auf, dass an dieser heiklen Stelle nicht nur ein Beispiel für das Gute, das der Feminismus bietet, fehlt, ich beobachte hier die Verwendung der „geschlechtergerechten Sprache“, die genau das tut, was du an anderer Stelle überprüfen wolltest: Sie trennt nach Geschlecht (auf der einen Seite die weiblichen und auf der anderen Seite die männlichen Vertreter einer Gruppe, die nicht mehr als eine zusammengehörige Gruppe mit gemeinsamem Interesse gesehen wird. Vielmehr werden nun zwei voneinander getrennte Gruppen suggeriert und es wird gleichzeitig suggeriert, dass die Trennung von weiblichen und männlichen Vertretern relevant ist – sonst müsste man es nicht erwähnen.

Du sagst es selber:

Einerseits ist es wichtig zu zeigen, wo Geschlechterfragen tatsächlich relevant sind – und nicht einfach nur vorauszusetzen, dass sie es sind.

Sorry: bei solchen Formulierungen bin ich hellhörig. Ich halte das keineswegs für eine Kleinigkeit. Um noch einmal auf das fehlende positive Beispiel zurückzukommen: Ich habe selber sehnsüchtig danach gesucht. Ich habe überall gefragt: Gibt es ein gutes feministisches Buch, das ich lesen kann. Ich tue es. Ich habe so manche Klassiker des Feminismus gelesen. Aber … aber … Je mehr man davon liest, umso schlechter wird der Eindruck, den das Ganze macht.

Ich meine es ernst: Wo ist ein Ansprechpartner? Wo ist jemand aus dem feministischen Umfeld, mit dem man zusammenarbeiten könnte? Die Suche nach einem feministischen Diskussionspartner auf Augenhöhe kommt mir vor wie die Suche nach einem gemäßigten Taliban.

So kann das auch nichts werden. Nicht wenn wir den Sprachfeminismus anwenden. Wenn wir schon zwischen „Vertreterinnen“ und „Vertretern“ trennen, wo ist dann noch Raum für eine die Gemeinsamkeit?

Das Konzept des „integralen Antisexismus“, das von den linken Männerrechtlern Leszek und Arne Hoffmann vertreten wird, reagiert darauf: Es richtet sich gegen alle geschlechtsbedingten Rechtsverletzungen.

Nun kenne ich nicht alle Texte dieser beiden Aktivisten – aber von den Texten, die ich gelesen habe, ist mir keiner in Erinnerung, der eine „geschlechtsbedingte Rechtsverletzung“, die Frauen erleiden müssen, beklagt. Was ich übrigens nicht vermisst habe. Mir fällt auch keine ein, die es zu beklagen gäbe. Und ich bin sicher: Wenn es jemals eine geben sollte (oder wenn man sich lediglich einredet, dass es eine gibt), dann heulen sofort so viele Stimmen auf, dass die Stimmen von Arne und Leszek in dem Chor untergehen.

Ich sehe kein Patt. Kein Unentschieden. Ich finde nicht, dass man sagen kann: Gut, es gibt halt Unrecht auf beiden Seiten, hier und da, ich bin gegen jedes Unrecht. Das ist die Beschwörung einer theoretischen Gleichheit und einer Symmetrie, die so nicht existiert.

Ich suche ja eine Möglichkeit, mich einzubringen und meiner Stimme einen Resonanzraum zu geben. Aber ich kann nicht anders: „integraler Antisexismus“ und „linke Männerrechtler“ – das sind für mich Wortungeheuer, mit denen ich mich nicht anfreunden kann.

Wir wollen den Feminismus kritisieren. Bei der Gelegenheit muss man zunächst den Sexismus nennen – aber, ach: Der Feminismus kann nicht auf seinen Sexismus verzichten, denn er beruht darauf. Er besteht darauf, die Menschen grob und unzulässiger weise nach Geschlecht (Sex) in zwei Gruppen zu teilen, die keine Gemeinsamkeit haben und sich feindlich gegenüberstehen. Das ist nicht erst neuerdings so. So war Feminismus schon immer.

Zwar wird von feministischer Seite der eigene Sexismus abgestritten und es wird vielmehr so getan, als wäre Sexismus ein Übel, von dem nur Männer befallen sind. Aber so ist es nicht. Im Gegenteil. Feministen sind Sexisten. Sexismus lässt nichts zu, das in irgendeiner Weise „integral“ sein will. Antisexismus tut es genauso wenig. Der ist lediglich ein Spiegel des Sexismus und spiegelt ihn in seinem totalitären Anspruch und seiner Unfähigkeit, sich auf irgendetwas Integrales einzulassen.

Ich verstehe die Bedenken gegen den Begriff „Antifeminismus“ (das ist eine besonders gute Stelle im Text), geht der Begriff doch genauso grandios mit hohem Ton verdammend und verallgemeinernd vor wie der Ismus, gegen den er sich wendet (ich persönlich bevorzuge Antipasti und Antiquariate und hatte schon immer Vorbehalte gegen die Anti-Baby-Pille – allein vom Namen her, weil ich nicht gegen Babys bin, sondern dafür). Antisexismus ist genauso Banane wie Antifeminismus. Sexismus ist eine falsche Grundannahme, auf der Feminismus aufbaut.

Eine weitere gute Stelle im Text ist die, wo du dich gegen die Bezeichnung „Männerrechtler“ wendest:

Ich bin kein Männerrechtler.

Rechte gelten allgemein, oder sie sind keine Rechte. „Männerrechte“ oder „Frauenrechte“ bezeichnen also, genau genommen, keine Rechte, sondern Vorrechte.

Gerade hatte ich ein Interview mit der FAZ, ich hatte ausführlich erklärt, dass ich kein Männerrechtler bin (weil das Rechte wären, die an eine Personengruppe gebunden sind) – egal. Am Ende des Artikels findet sich ein Foto mit der Unterschrift: „Bernhard Lassahn, Männerrechtler“.

Innerhalb einer sexistischen Sichtweise ist das eine naheliegende Bezeichnung: Sie erscheint als das Gegenstück zu der sexistischen Kategorie Frauenrechterinnen (interessant: das Korrekturprogramm meines Computers beanstandet Männerrechtler, nicht aber Frauenrechtlerinnen). Sie macht Männer, die sich um Menschenrechte bemühen genauso zu Sexisten, wie es die Feministen sind. Damit werden die feministischen Paralympics feierlich eröffnet: Männerrechte vs. Frauenrechte. Ätsch, bätsch: die Männer liegen weit abgeschlagen zurück.

Eine weitere gute Stelle ist die, bei der es um „links“ und „rechts“ geht. Eigentlich klar: Menschenrechte sind weder links noch rechts. Vaterliebe auch nicht. Homosexualität übrigens auch nicht. Aber das ist eine andere Baustelle: richtig müsste es sowieso „Homoerotik“ heißen.
lemmling-Wings-3Dabei fällt mir ein: So verdienstvoll die Bemühungen von Arne an anderer Stelle sind (das sind sie in der Tat!), die Bezeichnung seines Blogs als „linken, antisexistischen Flügel der Männerrechtsbewegung“ (was mich immer an einen kranken Vogel denken lässt) ist mehr als problematisch oder wie Angela Merkel sagen würde: „nicht hilfreich“.

Mit den Vokabeln „Männerrechtler“ oder auch „Sexismus“ (in der Bedeutung, wie Feministen ihn benutzen) übernehmen wir nicht nur Begriffe, sondern auch Urteile. Die Sprachvorschriften zwingen uns, immer wieder dasselbe zu sagen: Es herrscht eine sexistische Trennung zwischen Männern und Frauen, Vertreterinnen und Vertretern – usw. Genau das sollen wir bei jeder Gelegenheit sagen. Immer wieder.

Da müssen wir achtsam sein. Es kommt mir vor, als würde uns eine Lehrerin einen Tuschkasten mit lauter Fehlfarben reichen und uns auffordern: Nun male mal dein eigenes Bild, mit dem du deine eigene Meinung und deine eigenen Gefühle zu den Geschlechterfragen ausdrückst.

Ich will noch einmal auf den „vulkanischen Hass“ des Feminismus zurückkommen (wie Arne Hoffmann es nennt – eine Formulierung, die ich gelungen finde). Da fehlt es nicht an Beispielen. Dann heißt es bei dir.

Solche Positionen sind für den Feminismus nicht insgesamt repräsentativ.

Nein, repräsentativ nicht. Repräsentativ ist das, was nach außen wirkt. Da wird natürlich schön getan und vom Guten und Wahren gesäuselt. Repräsentativ ist die Feindseligkeit nicht, sie ist wesentlich.

Problematisch ist aber, dass sich der Mainstream-Feminismus niemals, oder nur in schnell verdrängten Ausnahmefällen, mit diesen Positionen kritisch beschäftigt und von ihnen klar distanziert hat. Solanas’ Buch ist allein in deutscher Sprache mehrfach wieder aufgelegt worden, unter anderem vom renommierten März-Verlag. Mary Daly wird bis heute als wichtige feministische Theologin verehrt. In Freiburg gibt es gar eine Gerda-Weiler-Straße.

Eben. Übel ist nicht, dass es solche Vernichtungsfantasien gibt, übel ist, dass sie gehätschelt werden. Wie soll man das wegstecken? Man kann das nicht durchgehen lassen, ohne sich zum Mitverschwörer zu machen, der ein moralisches Minimum unterläuft.
Aber so reden wir: Wir beißen uns auf die Zunge und benutzen falsche Begriffe. Wir dürfen uns nicht anmerken lassen, dass wir hilflos sind (was wir aber sind), denn ein hilfloser Vater ist … ja, genau: nicht sexy.

Es stört mich nicht nur, weil Bitterkeit unsexy ist. Wer sich auf Dauer für etwas engagieren möchte, wer sich Gedanken darüber macht, wie wir unsere Welt für uns und für unsere Kinder einrichten: Der braucht etwas, wofür er das tut – nicht nur etwas, wogegen er sich richtet. Und: Es muss auch Freude machen, sonst ist es auf Dauer nicht durchzuhalten.

Es folgt ein Beispiel. Du stößt auf ein altes Paket, das bei der Trennung irgendwo liegen geblieben ist und findest darin Kleidungsstücke aus der Zeit, als der Sohn gerade auf die Welt gekommen war.

Als ich die Kiste öffnete und die Kleidungsstücke aus der Zeit kurz nach der Geburt sah, verschlug es mir fast den Atem. Es war, als ob eine große Wolke von Glück aus der Kiste aufstieg.

Das hat mich gerührt (ich kenne so etwas): Ich verstehe das Glück gut, aber es ist auch – wie so oft bei einem Moment von Glück – mit einer Trauer verbunden, weil es einen zugleich mit dem Unglück konfrontiert. Mir geht es so: Immer wenn ich mit meiner Tochter zusammen bin, bin ich einerseits glücklich, weil wir uns so gut verstehen, andererseits umso unglücklicher darüber, dass ich unnötigerweise von ihr getrennt war und die gläserne Decke des Feminismus zwischen uns steht.

Dennoch. Ich sehe an dieser Stelle eine – wenn auch schwache – Möglichkeit zu einer neuen Begegnung. Noch einmal Peter Handke, der detailverliebt und übergenau Jugoslawien beschrieben hat. Warum? Darum: Wenn die Menschen noch etwas zusammenbringen kann, nach all dem, was geschehen ist, dann ist es die gemeinsame Erinnerung an die gute Zeit. So in etwa hat er es gesagt.

Ich träume jetzt mal vor mich hin: Ich stelle mir vor, dass ein Paar, das ein Kind hat, sich so verhalten muss wie ein Kandidat bei ‚Wer wird Millionär’, der eine Gewinnstufe einloggt und festschreibt – eine Gewinnstufe, unter die er nicht mehr zurückfallen kann, wenn er im Verlauf seiner Rateabenteuer abstürzt.

Die Gewinnstufe ist das gemeinsame Kind. Die darf nicht unterlaufen werden.

. . .


Bernhard Lassahn im Web:

Bernhard Lassahn

Frau ohne Welt


Anmerkung der Redaktion

Elmar Diederichs äußert sich ebenfalls: Feminismus und Maskulismus: Jenseits von Schoppes Verständnis

 

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